Matz, Friedrich [Hrsg.]; Andreae, Bernard [Hrsg.]; Robert, Carl [Hrsg.]
Die antiken Sarkophagreliefs (2): Mythologische Cyklen — Berlin, 1890

Seite: 38
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TROISCHER KREIS

dem ergänzten oberen Theil erhalten hat, so dass die Hal-
tung des Scepters ursprünglich weniger steil und mehr
nach rechts geneigt gewesen sein muss. Unter dem Sessel
steht der Helm des Königs. An seinem rechtem Schenkel
lehnt, mit der Innenseite dem Beschauer zugekehrt, so dass
die Handhabe sichtbar wird, sein Schild; links davon liegt
am Boden sein Panzer. Vor Agamemnon steht ihm zu-
gekehrt, aber den Kopf nach Achilles hin zurückwendend,
sein Doryphoros, auf der linken Schulter und um den
linken Arm die Chlamys mit zurückgeschobener Spange,
an der Seite das Schwert. Mit der linken (richtig er-
gänzten) Hand führt er das Pferd des Königs am Zügel,
in der (gleichfalls richtig ergänzten) Rechten hält er den
Speer, von dem der an der Schulter lehnende Theil
antik ist. Zwischen dem König und seinem Doryphoros
steht Ulixes in Pileus, Exomis und Chlamys, in der
richtig ergänzten Linken das in seinem unteren Theil an-
tike Schwert haltend. Es scheint, dass er, den Oberkörper
nach vorn überbeugend, eben noch im vertrauten Gespräch
mit Agamemnon begriffen war; jetzt wendet aber auch er
seinen Kopf der Mitte zu. Die mit dem ganzen Unter-
arm moderne rechte Hand wird schwerlich die Stellung
gehabt haben, die ihr der Ergänzer gegeben hat; sie wird
vielmehr mit gegen Agamemnon gekehrter Fläche erhoben
gewesen sein zum Zeichen des Staunens und der Auf-
merksamkeit. Ueber dem erhobenen Arm Agamemnons
erscheint, in ganz flachem Relief gebildet, der bärtige be-
helmte Kopf eines älteren Kriegers und unterhalb von
Agamemnons Arm seine linke einen Speer haltende Hand;
man wird denselben als Nestor (Raoul Rochette) oder
wahrscheinlicher als Phoenix deuten dürfen. Endlich er-
scheint an der rechten Ecke hinter dem Sessel des Aga-
memnon ein behelmter und gepanzerter Krieger, der sich,
um besser nach Achilles hinsehen zu können, nach vorn
überbeugt; drei Finger seiner vor das Gesicht erhobenen
Hand hat der Ergänzer, offenbar nach dem Muster des
Diomedes in der Mittelgruppe, so gebildet, dass sie
den gleichfalls ergänzten Schirm des Helmes anfassen;
wahrscheinlicher ist, dass der Krieger sich mit der Hand,
um besser sehen zu können, die Augen beschattete. Auch
ob die Ergänzung der linken Hand mit dem Schwert
richtig ist, kann man bezweifeln; mindestens hätte der
Ergänzer für die Stellung der Finger sich die Hände des
Agamemnon und des Lycomedes izura Muster nehmen
sollen. Doch ist es überhaupt wahrscheinlicher, dass die
linke Hand eine Lanze hielt; vgl. die entsprechende Figur
auf 26.

In der ganzen Darstellung ist der Nachdruck mehr
auf den äusserlichen, streng symmetrischen Bau der Gruppen
als auf scharfe Charakteristik und klare Motivirung der
Situation gelegt. So fehlt (wie freilich auch auf 22) der
Bläser, durch dessen Anwesenheit die Bewegung des Achil- I

les erst verständlich werden würde. Die linke Seiten-
gruppe ist aus dem Typus von Achilles' Abschied von
Lycomedes umgebildet (s. 21 a), indem aus dem Diomedes
der Doryphoros des Königs, aus dem zum Fortgehen ent-
schlossenen Achilles der das Schlachtross herbei führende
Achaeer geworden ist.

Linke Schmalseite Fig. 25a Abschied des Achil-
les von Lycomedes (Fea). Achilles in Stiefeln und
langer Chlamys, die er mit der gesenkten Linken fasst,
steht in stolzer Haltung da, die Rechte auf den Kopf des
neben ihm stehenden gezäumten Pferdes gelegt. Links
steht am Boden sein Schwert. Neben Achilles ein jugend-
licher Krieger im Panzer, Helm und Stiefeln, die Linke
auf seinen am Boden stehenden Schild legend; die rechte
Hand und der von ihr gehaltene Speer sind vollständig
ergänzt, aber wahrscheinlich richtig, da links am rechten
Knie ein antiker Ansatz erhalten ist, der füglich nur von
einem Speer herrühren kann. Man mag diese deutlich
als Kriegsgefährtc des Achilles charakterisirte Gestalt Dio-
medes nennen; doch liegt zu einer bestimmten Deutung
ein genügender Grund nicht vor. Dem Achilles gegen-
über sitzt Lycomedes auf demselben Sitz und in der-
selben Tracht wie auf der Vorderseite, nur ruht hier sein
rechter Fuss auf einem Schemel und ist die erhobene rechte
Hand auf ein Scepter gestützt; das Antlitz ist zu Achilles
emporgerichtet; zu ihm flüchtet sich, wie von Furcht bei
dem Anblick des kriegslustigen Achilles erfasst, ein Mäd-
chen mit der sog. attischen Frisur und im dorischen Peplos.
Sich eng an den Vater schmiegend, auf dessen Schulter
sie die rechte Hand legt, wendet sie das Gesicht nach
Achilles zurück; in der erhobenen Linken hält sie den
Rocken. Trotz der von der Darstellung auf der Vorderseite
abweichenden Haartracht wird man auch hier wieder Dei-
damia erkennen dürfen. Bei dem Abschied sind noch,
in flachem Relief gebildet, zwei weitere Töchter des Lyco-
medes zugegen; von der einen hinter dem Krieger stehen-
den ist nur der Kopf mit sog. attischer Frisur sichtbar;
die andere, zwischen Deidamia und Achilles, hat wolliges
Haar und hält in der Linken den Rocken. Bei sämmtlichen
männlichen Figuren ist die Stirnfalte angegeben.

Rechte Schmalseite Fig. 25 b Wappnung des
Achilles. In der Mitte steht Achilles mit dem weit
zur Seite gestreckten rechten Arm sein Pferd am Zügel
haltend, in der gesenkten Linken das Schwert; eine Chla-
mys, deren Ende auf seiner linken Schulter aufliegt, ist
über den linken Arm geworfen. Am Boden liegen seine
Waffen; zwischen seinen Beinen der Helm, der Schild und,
wohl lediglich in Folge einer Gedankenlosigkeit des Künst-
lers, ein zweites Schwert mit Wehrgehänge, weiter links der
Panzer. Links neben Achilles steht ein jugendlicher Krieger
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