Matz, Friedrich [Hrsg.]; Andreae, Bernard   [Hrsg.]; Robert, Carl   [Hrsg.]
Die antiken Sarkophagreliefs (2): Mythologische Cyklen — Berlin, 1890

Seite: 112
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TROISCHER KREIS

der rückwärts gekehrte behelmte (?) Kopf seines Reiters
und die von diesem gehaltene Bipennis sichtbar. Nach
dieser Waffe hat man in der Figur eine Amazone zu
erkennen. Weiter rechts schliesst wie auf 89 ein Trom-
peter die Scene ab, in derselben Bewaffnung und Haltung,
wie dort, nur ist er hier nicht beritten. Im unteren Raum
links wieder dieselbe Scene, wie an der gleichen Stelle
auf 89. Die Amazone trägt hier Helm und Pelta, und ihr
rechter zum Schlag ausholender Arm ist weniger stark er-
hoben. Von dem Schwert des Kriegers hat sich ein kleiner
Rest auf dem unteren Saume seines Gewandes erhalten.
Von einem unter dem Pferde liegenden Gefallenen erkennt
man nur den aufgestützten rechten Arm und den sehr
verriebenen nach links gedrehten Kopf; er ist somit auf
dem Leib liegend zu denken. Rechts folgen noch drei
Verwundete. Zunächst in starker Verkürzung eine rück-
lings auf ihre Pelta gestürzte, mit dem Chiton bekleidete
Amazone (Kopf ergänzt), die sich auf die ausgebreiteten
Oberarme stützt und die Unterarme emporhebt (der rechte
Arm bei Bouillon und Clarac noch vollständig). Dann
ein am Boden sitzender Krieger in Helm, Panzer und
Paludamentum, auf dessen rechte Schulter sein gestürztes
Ross den Kopf legt; in seinem Rücken steckt ein gebro-
chener Speer. Endlich die über den Hals ihres zusammen-
gebrochenen Pferdes zu Boden stürzende Amazone, wie
in der linken Seitengruppe von 89, hier mit Pelta am linken
Arm und in geschlossenem Chiton mit Ueberschlag; die
Stelle der rechten Hand wird durch den Ansatz am Kinn-
backen des Pferdes bezeichnet.

An den Ecken die beiden tropaeenhaltenden Ama-
zonen, wie auf 88. 8g, in derselben Stellung und Gewan-
dung, wie auf 88, nur dass beide die rechte Brust entblösst
haben. Von den Tropaeen sind nur undeutliche Reste des
oberen Theiles, die vielleicht von dem über den Panzer
geschlagenen Paludamentum herrühren, aber durch Ueber-
arbeitung das Aussehen eines Parapetasma bekommen haben,
sowie ein kleiner Ansatz am Kopf der Amazone rechts
erhalten.

Die muthmasslichen Schmalseiten s. unter 91.

gi) Schm. S. S. Rom, Villa Borghese, in der
Vorhalle. Fig. 91. Fig. 91 a. L. 0,90. H. 0,91. Relief-
erhebung von gi 0,02, von gi a 0,06. Zeichnung von
Eichler 1884.

Früher an der Aussenscite des im Park der Villa gelegenen
Vogelhauses eingemauert; incastrate sulC uccelleria Zoega. In den
älteren Beschreibungen der Uccelleria bei Manilli Villa Borghese
1650 p. 117, Montelatici Villa Borghese 1700 p. 315, Andreas
Brigentius Patavinus Villa Burghesia vulgo Pinciana poetice descripta
1716 p. 22 werden diese Reliefs nicht erwähnt. Bei der Neu-
ordnung der Antiken der Villa nach 1815 wurden sie in der
Vorhalle über den beiden Reliefs vom Drususbogen als Pendants
eingemauert; s. Nibby, der jedoch nur 91 erwähnt, und die Be-

schreibung der Stadt Rom. Später wurden sie wieder ausge-
brochen und erhielten ihren jetzigen Standort an der Balustrade
der Porticus.

Litteratur: Zoega App. Fol. 48p Nr. 60; Nibby Monit-
menti scelti Hella Villa Borghese 1832 p. 27 unter nr. 1.;. (Achillt
che riceve i messt di Agamemnone gi); Beschreibung der Stadt
Rom III 3, 1842, S. 233 (B 91; „nackter Krieger, der einen
niedergeworfenen Jüngling bei den Haaren fasst" — 91 a).

Die flache Reliefbehandlung, die Maasse und die aus
beiden Stücken, auf gi über der linken Hand des Achilles,
auf gi a am Helm des Kriegers erhaltenen Klammerlöcher
beweisen, dass beide Platten die Schmalseiten eines Sarko-
phags sind, als welche sie auch bereits Zoega erkannt hat.
Der Gegenstand der Darstellung macht es weiter fast zur
Gewissheit, dass sie von einem Amazonensarkophag her-
stammen. Trotz des Schweigens von Manilli, Montela-
tici und Brigentius ist es wahrscheinlich, dass sie ihren
Platz an der Uccelleria schon lange vor Zoega's Zeit, ver-
muthlich seit der Errichtung dieser Anlage innehatten, und
so ist es nicht zu gewagt, in den beiden Platten die
losgesägten Schmalseiten des ursprünglich an der Aussen-
seite der Villa eingemauerten Sarkophags go, mit dem sie
in der Höhe übereinstimmen, zu erkennen.

Auf der linken Schmalseite Fig. gi ein auf einem
Klappstuhl sitzender jugendlicher Held in Helm, Panzer,
Paludamentum und hohen die Zehen freilassenden Stiefeln,
die erhobene Linke auf einen Speer gestützt, die Rechte,
als ob er Gnade gewähre, gegen die Amazone ausge-
streckt, die mit flehend erhobener Rechten vor ihm kniet.
Diese Amazone trägt einen Helm, einen die rechte Brust
freilassenden Chiton mit gegürtetem Ueberschlag und
Stiefel. Ihre Pelta liegt zwischen den Füssen des Kriegers
am Boden, während dessen eigener ovaler Schild hinter
seinem Stuhl steht. Im Hintergrund sind noch zwei zu
dem sitzenden Krieger gehörige Personen dargestellt: ihm
zunächst ein Mädchen im ärmellosen Chiton mit gegürte-
tem Ueberschlag, das den Kopf zu ihm hinwendend mit
erhobener Rechten das Flehen der Amazone zu unter-
stützen scheint; an der Unken Ecke ein Krieger gleichfalls
in Helm, Panzer und Paludamentum, der, die Linke auf
den Speer stützend und die Rechte mit einem theilneh-
menden Gestus erhebend, mitleidig auf die Amazone blickt.
Wie die Sarkophage mit Schlachtdarstellungen aus der
Vita communis häufig mit der Kampfscene die Vorführung
der Gefangenen vor den Sieger verbinden, so ist hier im
Anschluss an den Amazonenkampf auf der Vorderseite
eine besiegte, um Gnade flehende Amazone vor dem sieg-
reichen Achilles, wie der sitzende Held ohne Zweifel
zu benennen ist, auf der Schmalseite angebracht, ein Vor-
gang, für den die Poesie schwerlich einen Anhalt bot.
Für den Typus mag die Darstellung des flehenden Priamus
das Muster abgegeben haben, vgl. für die Haltung des
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