Matz, Friedrich [Hrsg.]; Andreae, Bernard   [Hrsg.]; Robert, Carl   [Hrsg.]
Die antiken Sarkophagreliefs (2): Mythologische Cyklen — Berlin, 1890

Seite: 206
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ARGONAUTEN - KREIS

194) S. D. Rom, Vatican Casino di Pio IV in den
vaticanischen Gärten, im zweiten Zimmer des Erdgeschosses.
Fig. 194. L. 1,93. H. 0,31. Relieferhebung 0,03. Zeich-
nung von Eichler 1884.

Bekannt seit Mitte des sechszehnten Jahrhunderts Cobur-
gensis. Später, vermuthlich seit Anfang des siebzehnten (s. unter
100. 101V im Hof des Pal. Lancelotti eingemauert, wo Winckel-
mann um 1766 die rechte Hälfte zeichnen liess. In den ersten
Jahrzehnten dieses Jahrhunderts kam der Deckel in den Vatican,
wo er um 1833 in der Galleria de vasi, wie damals eine Ab-
theilung der Galleria dei candelabri hiess, aufgestellt wurde. Seinen
jetzigen Platz erhielt er unter Pius IX.

Alte Zeichnung: Coburgensis Fol. 155 Nr. 217 Fig. 194'.
Fol. 78, 2 Nr. 217 Fig. 194'a.

Abbildungen: Winckelmann Monumenti antichi inediti 1767

II nr. 90. nr. 91, die linke Hälfte nr. 90 copiata da un disegno
della raccolta di quellt delt Emo Alessandro A/bani, also vermuthlich
nach einem jetzt verschollenen Blatt der Pozzo-Sammlung, die
rechte nr. 91 nach einer neuen Zeichnung. Danach Wiener Vor-
legeblätter Ser. II Taf. 11 Nr. 3.

Litteratur: Winckelmann a. a. O. p. 118; Ders. Werke,
Drcsd. Ausg., IV S. 150; Gio. Girolamo Carli Dissertazioni due
1785 p. 299; E. Visconti // Museo Pio-Qementino III 1790
p. 59 «. e. VII 1807 p. 29; Böttiger De Medea Euripidea cum
priscae artis operibus comparata bei Matthiae Miscellanea philologica

I 1803 p. 313 (= Böttiger Opuscula et carmina latina ed.
Sillig 1837 p. 382. p. 392); Zoega App. Fol. 425 Nr. 25;
Ders. Bassi Rilievi 1808 II />. '215 n. 44; K. O. Müller
Handbuch der Archäologie der Kunst 1830 S. 567 $ 412, 3
(3. Aufl. von Welcker 1848 S. 695 § 412, 5); Feuer-
bach Der Vaticanische Apollo 1833 S. 383 A. 112; Raoul Ro-
chette Monumens in'edits 1827—1833 p. 63 n. 3; Ders. Journal
des Savants 1834 P- 7^ n' ^> Beschreibung der Stadt Rom II 2,
1834, 237 > Labus Museo della Reale Accademia di Mantova

III 1834 P' 3^3' Melchiorri Nuova Guida metodica di Roma 1836

II p. 579; Clarac Mus'ee de sculpture II 1841 p. 535 n. p. 543
11. 4. p. 546; O. Jahn Telcphos und Troilos 1841 S. 13 A. 6;
Gerhard Antike Bildwerke, Text, 2. u. 3. Lief., 1844 S. 257
A. 49; Th. Pyl De Medeae fabula (Diss. inaug. Berol.) 1850 p. 69;
Raoul Rochette Cboix de peintures de Pompei 1853 P- 2<->7 n- 4>
O. Jahn Tod der Sophoniba 1859 S. 8 A. 12; Stephani Compte-
rendu de la Commission Imperiale arch'eologique 1861 S. 90 A. 1.
1863 S. 184 Nr. 47. S. 195. S. 201; J. Lessing De mortis apud
veteres figura (Diss. inaug. Bonn.') 1866 p. 50; O. Jahn Archäo-
logische Zeitung XXIV 1866 S. 234 G; Michaelis ebenda XXV
1867 S. 82; Dilthey Annali delt Instituto XLI 1869 p. 10.
P' 11 g (vg^ Archäologische Zeitung XXXIII 1875 S. 63);
A. Rossbach Römische Hochzeits-und Ehedenkmäler 1871 S. 175;
Matz Monatsberichte der königlich preussischen Akademie der
Wissenschaften zu Berlin 1871 S. 494 Nr. 217; A. Herzog
Statii Epithalamium 1881 p. 31; M. Mayer Hermes XX 1885
S. 117 A. 1; L. von Urlichs Ein Medea-Sarkophag (Einund-
zwanzigstes Programm des von wagner'schen Kunstinstituts) 1888
S. 4 Nr. 1.

Deckel eines sehr grossen Sarkophags; die Eckmasken

! scheinen schon im sechszehnten Jahrhundert abgesägt ge-
wesen zu sein.

In fünf, von links nach rechts aufeinanderfolgenden
Scenen werden die späteren Schicksale des las011 und der
Medea vorgeführt, im engen Anschluss an die Medeia des

j Euripides. Die erste Scene links zeigt die Hochzeit des
Iason und der Medea, ganz wie die rechte Eckscene
von 189, in dem auf den Hochzeitssarkophagen der Vita
communis üblichen Typus der dextrarum tunetio. Me-
dea, wie auf 189 in Chiton und Flammeum, das sie mit
erhobener Linken unter dem Kinn zusammenhält, tritt hier
von links heran. Iason trägt, wie auf 18g, Panzer und
Chlamys, hält aber hier in der Linken das in der
Scheide steckende Schwert. Die zwischen beiden stehende
Iuno pronuba trägt einen ärmellosen Chiton mit gegür-
tetem Ueberschlag, aber keinen Schleier. Die Stephane ist
Fig. 194' ganz deutlich, während sie Eichler übersehen zu
haben scheint. Links schliesst ein Thorbogen die Dar-
stellung nach der Ecke hin ab.

Die rechts folgende zweite Scene zeigt die Kinder
der Medea mit den Geschenken vor Creusa. Ein
im Hintergrund aufgespanntes Parapetasma, dessen einen
Zipfel ein dem Beschauer den Rücken kehrender, nur mit
einem Schurz bekleideter Diener zu befestigen im Begriff
ist, deutet das Frauengemach an. Rechts sitzt auf einem
mit Polster belegten Sessel, die Füsse auf einen Schemel
gestützt, Creusa. Ihre Gewandung ist die der römischen
Braut am Vorabend der Hochzeit, ein auf die Schultern
fallendes Schleiertuch, das reticulum, und eine von der
linken Seite der Brust herabgleitende, hochgegürtete Tunica,
die regilla,'1) ausserdem ein um die Beine geschlagener
Mantel und Schuhe. Die linke Hand stützt sie auf den
Sitz, die rechte streckt sie mit unzweifelhaft freundlicher
Bewegung den beiden Knaben entgegen, von denen der
eine, der in Vorderansicht, den Kopf verlegen etwas zu-
rückbeugend, vor ihr steht, auf beiden Armen einen langen
Mantel trägt, während der zweite der von links heran-
kommt, ihr mit beiden Händen auf einem geflochtenen
Teller (vgl. igo') einen Blumenkranz darreicht. Beide
Kinder, tragen die Scheitelflechte, das vordere ist nackt,
das zweite mit einem langen, auf der linken Schulter lie-
genden Mantel bekleidet. Zwischen dem ersten Knaben
und Creusa steht deren alte Amme, die den Blick auf
die Kinder richtet und den linken Arm mit staunender
Geberde erhebt. Sie trägt das übliche Kopftuch, einen
von der rechten Schulter abgleitenden Chiton und einen

') Festus p. 286b: regUlis, tunicis albis, et reticulis lateis utrisque
rectis, textis sursum versum a stantibus pridie nuptiarum dient virgines indutae
eubitum ibant ontinis causa, ut etiam in togis virilibus dandis observari solet.
Vgl. Helbig Sitzungsberichte der k. bayr. Akademie der Wissenschaften zu
München 1880 S. 520; Mau zu Marquardt Das Privatleben der Römer
2. Aufl., I S. 43 A. 13.
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