Robert, Carl [Hrsg.]; Matz, Friedrich [Hrsg.]; Andreae, Bernard [Hrsg.]; Robert, Carl [Hrsg.]
Die antiken Sarkophagreliefs (3,1): Einzelmythen: Actaeon - Hercules — Berlin, 1897

Seite: 66
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ENDYMION

Händchen herrühren wird. Doch muss er schon bei der
Auffindung fast vollständig zerstört gewesen sein, da er
auf 46' fehlt. Auch die sonst regelmässig vor den Pferden
stehende Aura wird dort vermisst; da man sich schwer zu
der Annahme wird entschliessen können, dass sie nie vor-
handen gewesen sei, muss der Sarkophag entweder schon
im Anfang des 17. Jahrhunderts an dieser Stelle unvollständig
gewesen sein oder der Zeichner hat diese Figur wie die
Amoren an den Ecken willkürlich fortgelassen; vgl. das
ähnliche Verfahren am linken Ende von 15'.

Links von der Endymiongruppe ist die Darstellung noch
durch einen Hirten erweitert, wie er bei den älteren Exem-
plaren auf den Schmalseiten angebracht zu werden pflegt,
während er von jetzt an den eroberten Platz auf der Vorder-
seite constant behauptet. Dieser Hirte, ein bärtiger Mann
mit derben Gesichtszügen, stützt das Kinn und beide Hände
auf einen dicken Knüttel und scheint weit vorgebeugt den
Vorgang neugierig zu beobachten. Er trägt die Exomis
und am linken Arm eine Tasche Fig. 46. Fig. 46'. Zu seinen
Füssen sitzt sein Hund, den Kopf, von dem ein Rest der
Schnauze am untern Rand der Tasche noch erhalten ist,
zu ihm emporhebend. Weiter rechts liegt auf einem
Felsen ein Widder. Darunter springt ein Ziegenbock an
einem Baum empor, offenbar in der Absicht, dessen Blätter zu
benagen. Ein zweiter Baum ist hinter dem Hirten angebracht.

Auf der linken Schmalseite ein sitzender Greif.

47) P. Rom, Pal. Rospigliosi, an der Aussenwand
des Casinos hoch eingemauert. Fig. 47. L. 2,30. H. 0,52.
Rh. 0,06. Zeichnung von Eichler 1885.

Der Sarkophag befand sich um 1 6 1 2 — 16 1 5 mit dem zugehörigen
Deckel, ohne Zweifel also noch vollständig erhalten, „a San Gio-
vanni" (dal Pozzo Windsor XVIII 93), womit sicherlich San Gio-
vanni in Laterano gemeint ist.1)

Alte Zeichnung: dal Pozzo Windsor XVIII 93 (35) mit
dem zugehörigen Deckel, aber ohne die rechte Eckfigur „a San
G/oiw/7//"Fig.47'; Tophamianus Eton Bm IV 64, 1. 65,2. (C. Calden).

Littcratur: Zoega App. Fol. im. Fol 139; Ders. Li Bassi-
rilievi anficht di Roma 1808 II p. 206 n. 14. p. 208 n. 24; Cardt-
nali a. a. O. p. 122; Beschreibung der Stadt Rom III 2, 1838,
S. 399; O. Jahn a. a. O. S. 51 ff. (T); Gerhard a. a. O. S. 269
A. 9; Matz und von Duhn Antike Bildwerke in Rom 1881 II
S. 196 Nr. 2728; Winnefeld Hypnos 1886 S. 24.

An den Ecken die üblichen Amoren, die hier ihre
Fackeln auf Felsterrain aufstützen; vgl. 42. Somnus ohne
Chiton, wie auf 40. 41. 43. 46, aber in der Kopfhaltung dem
auf 3g sehr ähnlich, ist wie auf 40, 43 im Begriff, das Gewand
des Endymion emporzuziehen, um ihn vor dem Fackel-
licht zu schützen. Endymion liegt fast vollständig wag-

*) Auch der eine Rhca-Sarkophag Mattei (Matz und von Duhn
2235) trügt in demselben Bande die Bezeichnung „a San Giovanni". Eben-
daher stammt nach dem Coburgensis auch der dritte Rospigliosi'sche
Endymion-Sarkophag 55.

recht; in seiner Rechten fehlt das Pedum. Links lagert sein
Hund, den Kopf zu Somnus emporhebend. Statt des Fluss-
gottes von 39. 40 erscheint auf dem Felsen über Endy-
mion eine Quellnymphe in gegürtetem, von der rechten
Schulter abgleitendem Chiton und Mantel. Den rechten
Arm auf den Felsen gelehnt, blickt sie neugierig auf Somnus
herab, während die Linke eine auf ihrem Knie ruhende
Urne hält, aus der Wasser strömt. Der fackeltragende
Amor fliegt hier vor Luna her; er senkt die Fackel, die
er mit beiden Händen gefasst hält, und beleuchtet den
Schläfer. Die absteigende Luna, mit entblösster linker
Schulter, wie auf 39. 42, beugt den Kopf tief, wie von
heisser Liebessehnsucht ergriffen, die sich auch in dem ge-
öffneten Mund und den zusammengezogenen Brauen aus-
spricht. Ein Amor schwebt vor ihr her, die Rechte erhebend
und den Kopf nach ihr zurückwendend. Ein zweiter
fasst, höher schwebend, mit beiden Händen ihren Mantel,
vgl. 41 46. Der flügellos gebildete Amor im Wagen legt wie
bei einem plötzlichen Einfall die Linke an die Schläfe. Der
gleichfalls flügellose auf dem vordem Pferde fasst mit der
Linken dessen Mähne, wie um sich daran festzuhalten. Sein
rechter Arm ist mit dem links anschliessenden Theil der
Platte bis zum Haar der Luna ergänzt. Was Fig. 47' bietet,
wo dieser Arm gesenkt erscheint, ist wohl nichts als will-
kürliche Ergänzung des Zeichners. Die Zügel der Pferde
kann er hier nicht, wie 39. 40. 42, gehalten haben, da diese
stramm gespannt unter der Mähne verschwinden. So mag
wohl die jetzige Ergänzung das Richtige treffen, wenn sie
ihn den Arm balancirend zurückstrecken lässt. Offenbar
fühlt er sich auf seinem hohen Platz nicht ganz sicher,
vgl. 72. Das Gespann hält Aura, in derselben Gewandung
und Stellung wie auf 3g, aber mit weit energischerer Hal-
tung und Geberde, fast gebieterisch auf die Pferde blickend.
Die Linke hält die Peitsche; im Haar trägt sie eine Binde.
Wie auf 46 am linken, so ist hier am rechten Ende noch
ein Hirt hinzugefügt. Er schläft. Ein Fels dient ihm als
Sitz; auf das hochgezogene rechte Knie legt er die linke
Hand und auf diese das Haupt. Hinter ihm ist ein Baum
angebracht, ein zweiter hinter dem Gespann der Luna,
ein dritter hinter Somnus.

Die Eckmasken des nur in der Zeichnung Fig. 47'
erhaltenen Deckels scheinen Satyrköpfe zu sein. An der
Vorderseite sind paarweise einander zugewendet die Jahres-
zeiten in Gestalt von gelagerten Frauen dargestellt;
zwischen jedem Paar ein Korb mit Blumen oder Früchten,
über dem je zwei Amoren, jeder zu einer der Göttinnen
gehörig, auf einander zuschweben. Alle vier Jahreszeiten
tragen einen Mantel, der sich bogenförmig über ihrem Haupt
wölbt; die am linken Ende ist ausserdem mit gegürtetem
Chiton bekleidet; sie wird den Winter vorstellen, so dass
wir in der Gruppe links diesen und den Frühling, in der
rechts Sommer und Herbst erkennen dürfen.
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