Robert, Carl [Hrsg.]; Matz, Friedrich [Hrsg.]; Andreae, Bernard [Hrsg.]; Robert, Carl [Hrsg.]
Die antiken Sarkophagreliefs (3,1): Einzelmythen: Actaeon - Hercules — Berlin, 1897

Seite: 109
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TAFEL XXV DRITTE CLASSE 86—88

Ariadne mit entblösstem Oberkörper, auf einem Felslager.
Das Gesicht trägt Porträtzüge, und vermuthlich aus diesem
Grunde sind die Augen offen gebildet. Die Haartracht ist
die des dritten Jahrhunderts. An dem über ihr stehenden,
das Horn auf sie ausgiessenden Soranus ist nur der Unter-
körper (nach Benndorf und Schöne auch der Kopf) antik;
an dem Knaben neben ihm, der zweifellos richtig als Amor
ergänzt ist, nur der Körper mit dem linken Unterarm.
Dieser Amor fasst mit den Händchen den Mantelsaum der
Rhea, wohl um ihn vom Arm abzuziehen, und wird in der
verlorenen Rechten vermuthlich eine Fackel gehalten haben.
Ein zweiter grösserer, mit einer langen Chlamys bekleideter
Amor schwebt auf Rhea zu und zieht ihr mit beiden Händen
den Mantel weg, während er das lockige Haupt nach Mars
zurückwendet. Dieser schreitet behutsam auf den Zehen
heran, indem er sich mit der rechten Hand an einem Felsen
festhält. Er ist mit der Chlamys bekleidet und trägt in der
Linken Lanze und Schild. Den behelmten Kopf muss ich,
obgleich das ihn mit dem Körper verbindende Halsstück
modern ist, mit Benndorf und Schöne entschieden für antik
halten. Das Gesicht ist Porträt; der gestutzte Vollbart
erinnert an die Köpfe des Philippus Arabs und Trebonia-
nus Gallus. In dem Flussgott an der linken unteren Ecke,
der, mit dem linken Arm auf eine Urne gestützt, die Rechte
mit geheimnissvoller Geberde an den Mund legt und mit
gespannter Aufmerksamkeit zu Mars emporblickt, dürfen
wir unbedenklich den Tiber erkennen. Ueber ihm ist in
der Höhe auf einem Felsen die kleiner gebildete Gruppe
eines sitzenden bärtigen Gottes und einer neben ihm
stehenden Göttin angebracht. Der Gott hat ein Löwen-
fell schurzartig um die Hüften geschlagen, stützt die rechte
Hand auf den Felssitz und hielt mit der Linken, wie der Er-
gänzer gewiss richtig angenommen hat, eine Keule, deren
breites unteres Ende auf seinem Oberschenkel erhalten ist;
den Kopf wendet er der Göttin zu, die vertraulich den rechten
Arm auf seine Schulter und den linken um seinen Nacken
legt. Sie ist mit einem um den Unterkörper geschlungenen
und über die linke Schulter geworfenen Mantel bekleidet,
der den Oberkörper völlig freilässt. Wenn nun auch diese
Gruppe zunächst an den Berggott und seine Nymphe, wie
wir sie auf 712. 75. 78. 79. 801. 86 gefunden haben, erinnert,
so sind doch die Figuren viel zu sehr individualisirt, als dass
eine so allgemeine Deutung erlaubt Aväre. Das Löwenfell
und diese Art von Keule wird man bei Berggöttern ver-
geblich suchen; der von O. Jahn verglichene Lokalgott auf
dem Parisurtheil in Villa Ludovisi (s. II S. 17) trägt ein
Pantherfell und einen Baumast, unterscheidet sich also
gerade in den charakteristischen Attributen. Diese sprechen
so entschieden für die Benennung Hercules, dass das
allerdings ungewöhnlich lange Haupthaar demgegenüber
gar nicht in Betracht kommt. Wir werden also zu dieser
schon von den früheren Interpreten aufgestellten, aber

von O. Jahn1) bekämpften Erklärung zurückgreifen müssen,
jedoch ohne uns auch der darauf basirenden Benennung
der Göttin als Hebe anschliessen zu können. Diese zeigt
vielmehr ganz den Charakter der Venus; der leider in
unserer Abbildung nicht ganz getreu wiedergegebene Kopf
erinnert in Typus und Haartracht sogar etwas an den der
melischen Statue und ihrer Verwandten. Die Anwesenheit
der Stammmutter der Rhea Silvia und des Romulus bedürfte
zwar keiner besonderen Rechtfertigung; doch ist Venus
hier ohne Zweifel zugleich auch als Ortsgottheit gegenwärtig,
und so erklärt sich ihre enge Verbindung mit Hercules.
Wir sehen, dass die Scene in der Nähe des Tiber spielt.
Da dürfen auch die Gottheiten nicht fehlen, die später
dort ihre Tempel erhalten und seit undenklichen Zeiten
dort waltend gedacht werden, die Venus ad Circum
Maximum und der Hercules Victor in foro Boario.2)
Es ist natürlich kein Zufall, dass die inschriftlich als Hercules
invictus bezeichnete Statuette in Liverpool, die mit ihren
Repliken von E. Petersen Mittheilungen des römischen
Instituts IV 1889 S. 331 ff. gut besprochen ist, dieselbe Stellung
und einen ähnlichen Typus aufweist, wie der Hercules auf
unserem Sarkophag. Da nun aber dieser Hercules victor
dem Mars nahe verwandt ist (Macrobius Sat. III 12,6), so
wächst auch er ebenso wie Venus über die Rolle einer
blossen Localgottheit hinaus und tritt zu der Hauptfigur
Mars auch in innere Beziehung.

Die rechte Hälfte wird von der Endymion-Dar-
stellung eingenommen. Andern schlafenden En dymion
ist nur der Unterkörper antik. Der ganze obere Theil der
Platte ist bis etwa zur Mitte ergänzt, also auch der Felsen
und der Schlafgott, und es lässt sich somit nicht entscheiden, ob
wirklich die Figur des Somnus in dieser Scene wiederholt oder
durch die Nox ersetzt und ob nicht vielleicht als Gegenstück
zu Hercules und Venus Latmus und seine Nymphe angebracht
waren. Der den Endymion enthüllende Amor, an dem
nur die Händchen und der linke Unterschenkel ergänzt
sind, ist ganz als Gegenstück zu dem Amor der anderen
Scene componirt; nur fehlt ihm die Chlamys. An Luna
ist ausser Kleinigkeiten der Kopf, der linke Arm und der
obere Theil des Mantels ergänzt, der sich natürlich über
dem Haupt empor wölbte. Der Amor auf dem vorderen
Ross hält mit der Linken die Zügel und hebt mit der
Rechten die Peitsche zum Schlage, wie auf 51. 7g. Singular
ist der zur Raumausfüllung unter den Pferden angebrachte
dritte Amor, der mit einer brennenden Fackel in der
Linken erhobenen Hauptes der Luna nachzulaufen scheint;
die Ergänzung des linken Beines und des rechten Unter-

J) Keineswegs auch von Zoega und Welcker, wie Benndorf und
Schöne sagen.

2) Garrucci dachte an den Hercules des Aventin, Reifferscheid an
den des Palatin, den Vater des Palas; in der Göttin wollten beide die
Acca Larentia erkennen.

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