Robert, Carl   [Hrsg.]; Matz, Friedrich [Hrsg.]; Andreae, Bernard   [Hrsg.]; Robert, Carl   [Hrsg.]
Die antiken Sarkophagreliefs (3,2): Einzelmythen: Hippolytos - Meleagros — Berlin, 1904

Seite: 193
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TAFEL* XLIX GRIECHISCHE SARKOPHAGE 157-159

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ihm verstohlen den Brief zu, während sie, die Linke am
Kinn, lauernd sein Gesicht beobachtet, ähnlich wie auf 154.
Während aber dort Hippolytus die Kupplerin schroff ab-
weist, nimmt er hier den Brief in Empfang, wendet jedoch
den Kopf von der Amme weg einem Begleiter zu, der, mit
der Chlamys bekleidet und in der Linken einen Speer, mit
gekreuzten Beinen hinter ihm steht und ihm aus einem
Diptychon oder, wie man nach der aussergewöhnlichen Länge
vielleicht vermuthen darf, einem Codex etwas vorliest. Die
Kopfwendung des Hippolytus soll offenbar diesen Begleiter
bedeuten, mit Lesen inne zu halten. Ein Freund des Hippo-
lytus mit einer Rolle in der Hand, aber im Tross der
übrigen Begleiter so gut wie verloren, war auch auf 152
dargestellt, s. oben S. 180. Hier aber wird, wie O. Jahn
erkannt hat, angenommen, dass Hippolytus sich vor oder
nach der Jagd aus seinen geliebten fpdjj.jj.aToc (Eue. Hipp.
V. 954) vorlesen lässt.

Diese drei Figuren repräsentiren die Mittelgruppe der
Vorderseite. Die drei links folgenden Gefährten des Hippo-
lytus bilden, obgleich zu derselben Scene gehörig, doch,
formell betrachtet, die linke Seitengruppe, das Pendant zu
der eine besondere Scene darstellenden rechten Seitengruppe.
Aehnlich ist die Vorderseite von II 154 und III 24. 26
disponirt. Den Mittelpunkt dieser linken Seitengruppe bildet
ein Jäger mit Bartstoppeln an den Wangen, der mit ge-
kreuzten Beinen dasteht, die Rechte auf einen Speer ge-
stützt, in der Linken das in der Scheide steckende Schwert.
Bekleidet ist er mit Chlamys und Jagdstiefeln. Ihn um-
geben zwei weitere symmetrisch gestellte Jäger, von denen
jeder ein Ross am Zügel führt. Beide tragen die Chlamys;
der links ist unbärtig, hält den Speer in der Rechten und
trägt an der Seite das Schwert; der rechts hat schlecht
rasirten Vollbart und hält zwei Speere in der Linken. Vor
jedem Pferd sitzt ein Hund mit emporgehobenem Kopf.
Mit dem Hund zur Linken, der den Kopf umwendet, vgl.
den Hund auf 154.

In der die rechte Seitengruppe bildenden zweiten Scene
sitzt die liebeskranke Phaedra auf einem Sessel vor einem
durch einen Vorhang verhängten Portal, das aus einem auf
korinthische Pilaster aufsetzenden Bogen besteht. Ueber
den Pilastern, offenbar in Zwickeln zu denken, jugend-
liche Tritone, die ein Muschelhorn blasen, vgl. III 128.
12g. Die Königin hat lange Schulterlocken und trägt
ein mit Edelsteinen besetztes Diadem, ein Halsband mit
Bulla, Armbänder, einen hochgegürteten von der rechten
Schulter abgleitenden Aermelchiton, Mantel und Schuhe.
Ihren rechten schlaff herabhängenden Arm stützt die Amme
(vgl. 152b. 156), indem sie zugleich theilnahmsvoll ihre Ge-
bieterin anblickt. Die Wange lehnt Phaedra auf die linke
Hand, die auf dem oberen Ende eines Saiteninstruments
ruht. Wenn dieses Saiteninstrument von einem nackten
ungeflügelten Amor in sonderbarer Weise auf dem Kopf

getragen und mit erhobenen Händen unterstützt wird,
so hat hier offenbar der Sarkophagarbeiter seine Vorlage
missverstanden. Auf dieser wird vielmehr die rechts neben
Phaedra mit gekreuzten Beinen dastehende Dienerin die
Leier gehalten haben (vgl. 152b. 153 und zu 154b). Das zeigt
sich auch noch in der Haltung ihres linken Armes, des-
sen Hand mit abgespreiztem Daumen das Saiteninstrument
leicht an der Seite berührt, vgl. die Armhaltung der Musi-
kantin auf 153. Diese Dienerin trägt einen hochgegürteten
ärmellosen Chiton, Armband und Schuhe. Ihr entspricht
links von Phaedra eine zweite Dienerin, die in der gesenkten
Rechten eine paicra timbelicata mit Handgriff hält und die
Linke nachdenklich an die Wange legt; vgl. den ähnlichen
Gestus bei der gleichfalls links von Phaedra stehenden
Dienerin auf 152 b. Dieses Mädchen trägt einen ungegür-
teten Chiton, ein Armband und ein Halsband mit Bulla, wie
Phaedra. Die Haare beider Dienerinnen fallen gelöst in
den Nacken; bei der Dienerin links ist die mittlere Haar-
partie nach dem Hinterkopf hin zuriickgebürstet; ganz die-
selbe (gallische?) Haartracht findet sich bei den Sclaven und
Sclavinnen auf dem Sarkophag des P. Caecilius Vallianus
im Lateran (s. Garrucci Monumenti del Museo Lateranense
tav. 30, Benndorf und Schöne Die antiken Bildwerke des
Lateranensischen Museums S. 337 Nr. 481 und den künftig
erscheinenden I. Band dieses Werkes; s. auch II S. 161
Fig. 148 c); auch die Halsbänder kehren auf dem Latera-
nensischen Sarkophag wieder, jedoch ohne die Bulla. Links
neben Phaedra erscheint endlich noch ein zweiter ungeflügel-
ter Amor mit einer brennenden Fackel in der Rechten;
vgl. 155. 160. 171. Von dieser Gruppe entfernt sich eiligen
Schrittes Hippolytus; das Haupt, das in dieser Scene
nicht Porträt ist (vgl. 165), zurückgeworfen, die Blicke
zum Himmel gerichtet und die rechte Hand mit aus-
gestreckten drei Fingern zu dem bekannten Redegestus
erhoben; er trägt die Chlamys und hält in der Linken den
Speer. Zwischen seinen Füssen sitzt ein Jagdhund.

Jede der beiden Scenen ist für sich allein klar und ver-
ständlich, nur in ihrer Verbindung wirken sie befremdend,
da jetzt angenommen werden muss, dass in der Scene links
Phaedra den Hippolytus brieflich zu einer Unterredung
einladet, die in der Scene rechts eben beendigt ist; eine
ganz singulare Auffassung des Verlaufs. Man kann sich
daher dem Eindruck nicht entziehen, dass der Verfertiger
dieses sehr späten Hippolytus-Sarkophags ungeschickt con-
taminirt habe. Dass er seine Vorlage missversteht, haben
wir schon bei Besprechung der rechten Scene constatirt.
Diese Vorlage wird jedenfalls ein griechischer Sarkophag
gewesen sein, und zwar entweder ein nah mit 152—154 ver-
wandter, auf dem die Vorderseite den Antrag der Amme,
die eine Schmalseite die liebeskranke Phaedra zeigte, oder
ein solcher, auf dem an der Vorderseite sowohl Hippolytus
als Phaedra dargestellt waren, wie bei der dritten Gruppe.

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