Robert, Carl [Hrsg.]; Matz, Friedrich [Hrsg.]; Andreae, Bernard [Hrsg.]; Robert, Carl [Hrsg.]
Die antiken Sarkophagreliefs (3,2): Einzelmythen: Hippolytos - Meleagros — Berlin, 1904

Seite: 212
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HIPPOLYTUS

nach dem Eber hin. Der andere ist der für diese Sarkophag-
classe (mit Ausnahme von 165) typische jugendliche Reiter
zur Linken des Hippolytus, hier gleichfalls mit einer Lanze
versehen, deren Spitze am oberen Rande erhalten ist. Der
von nur einem einzigen Hund gestellte, den Kopf erhebende
Eber, wie auf 169. Neu aber und ohne Analogie ist der
hinter dem Eber nach dem Hintergrund zu fliehende Frisch-
ling. Die Höhle fehlt, aber neben dem üblichen Eichbaum
an der rechten Ecke ist eine Felsplatte angedeutet, auf der,
in kleineren Dimensionen gehalten, ein nackter bärtiger
Berggott sitzt. Mit der Rechten stützt er sich auf den
Felsen, mit der Linken greift er in die Baumkrone, das
linke Bein hat er hoch emporgezogen und schaut in dieser
Stellung behaglich dem Jagen zu.

Dass auf jeder Schmalseite ein Greif angebracht war,
lässt sich noch aus unbedeutenden aber sicheren Resten
constatieren.

Trotz der namentlich durch Verwitterung bewirkten
hochgradigen Zerstörung kann man noch erkennen, dass
die Arbeit sehr gut war. Der Sarkophag stammt wohl
aus der Zeit des Hadrian, vielleicht sogar noch aus der
des Traian. Daher die Daciertypen und die an die Traians-
säule erinnernde Composition. Jedesfalls ist er unter den
Sarkophagen dieser Classe der älteste.

171) S. Florenz, Uffizien (Inv.-Nr. 3593). Fig. 171.

Fig. 171a. Fig. 171b. L. 2,12. H. 0,57. T. 0,57. Rh. der

Vorderseite 0,05; die Schmalseiten ganz flach. Zeichnung
von Eichler 1882.

Zu Gori's Zeit stand der Sarkophag noch „in hortis Regii Palatii
ad D. Marcum"; also in dem an der Stelle der heutigen Dogana
gelegenen Garten des Pal. Medici jetzt Riccardi. Daher vermuthet
Dütschke gewiss mit Recht, dass er zu den im 16. Jahrhundert aus
Rom dorthin gebrachten Antiken gehört. Eine auf der rechten
Schmalseite roth aufgemalte Inventar-Nummer 433 stammt wohl aus
der Zeit nach der Versetzung in die Uffizien. Die Schmalseiten, die
bei GoRI fehlen, hatte man abgesägt und bei der Aufstellung in den
Uffizien um 1780 wieder angesetzt. Doch scheint ihre Zugehörigkeit
sicher. Auch die linke Eckfigur wird damals ergänzt worden sein.
Die halbmondförmigen Ausschnitte in den Schmalseiten deuten auf
decorative Verwendung in Giardino Medici.

Abbildungen: gori Inscriptioncs antiquae graecae et romanae
1743 III tau. 23 (ohne die Schmalseiten) — Zannoni Reale Galleria
di Firenze illustrata Ser.IV Vol. II 1819 tav.g1.g2 (mit den Schmal-
seiten).

Litteratur: gor[ a. a. O. p. 101 (Adonis); lanzi La Real Galleria
di Firenze [Giornale Pisano de' Letterati XLVII) 1782 p. \^ss.;
Zannoni a. a. O. 163; K. O. Müller Handbuch der Archaeologie
der Kunst 1830 § 412, 2; Duca di Serradifalco Le Antichita
della Sicilia III 1836 p. 123 n. 244; O. Jahn a.a.O. S. 311 ff. (E);
L. Schmidt a. a. O. S. 67. S. 72; Arneth Denkschriften der Philo-
sophisch-historischen Classe der Kaiserlichen Akademie der Wissen-

schaften zu Wien I 1850 S. 308; Stephani a. a. O. S. 179 Nr. 16;
HlNCK a. a. O. p. 110 ss. (E); dütschke Antike Bildwerke in Ober-
italien III 1878 S. 32 fr. Nr. 69; Kalkmann a.a.O. S. 65 ff. (M);
Puntoni a. a. O. p. 11 s. (H); Sauer a. a. O. S. 21; C. RlGONl Cata-
logo della R. Galleria degli Uffizi in Firenze 1891 p. 33 nr. 56.

Replik von 164—170 mit mehreren Besonderheiten. In
der ersten Scene der Vorderseite Fig. 171 ist Phaedra
völlig erschöpft mit abgewandtem Gesicht, wie es scheint
seufzend, in ihren Sessel zurückgesunken; vgl. 158. 15g.
Ihre Tracht ist die übliche, jedoch ohne Diadem; eine
Locke fällt gelöst auf die linke Schulter. Ein Amor
mit Chlamys um den Arm und mit einem Bogen in der
Linken eilt mit erhobenem rechten Arm auf sie zu. Die
rechte Hand mit der Fackel ist ergänzt, was auf der Ab-
bildung aus Versehen nicht angegeben ist, aber wahrscheinr
lieh richtig; vgl. 160 sowie S. 188 zu 155 und S. 211 zu 170.
Die Dienerin hinter Phaedra stützt den linken Arm auf die
Rücklehne des Sessels und lehnt das Haupt auf die Hand,
vgl. 166; dass sie sich jetzt mit beiden Händen die Haare
rauft, ist ein verkehrter Einfall des Ergänzers. Gleichfalls
in Uebereinstimmung mit 166 sowie mit 167 ist der Kopf
der zweiten Dienerin nach links gewandt. Ganz singulär
aber ist es, dass noch eine dritte Dienerin hinzugekom-
men ist, die durch den um den Unterkörper geschlungenen
und mit einem Zipfel über die linke Schulter geworfenen
Mantel als auf einer höheren Rangstufe stehend bezeichnet
wird. Mit schmerzlichem Gesichtsausdruck auf die Gruppe
von Hippolytus und der Amme blickend erhebt sie mit
einem Gestus des Bedauerns die rechte Hand; in der linken
aber hält sie eine geöffnete Buchrolle. Da eine solche
Form des Liebesbriefs kaum denkbar ist, so ist diese Figur
vermuthlich als die Vorleserin der Königin gedacht und hat
somit eine ähnliche Bedeutung wie die Citherspielerinnen
auf 152 —154. Wie dort durch Musik, so will hier Phaedra
durch den Genuss eines litterarischen Kunstwerks — selbst
der Gedanke an eine philosophische Schrift ist nicht aus-
geschlossen — ihren Liebeskummer betäuben, und wie sie
bei Euripides die Jagdleidenschaft ihres Geliebten nachzu-
ahmen verlangt, so hier dessen Hang zu gelehrten Studien,
mit denen wir ihn auf 15g beschäftigt sehen. So befremd-
lich das bei einer vornehmen Griechin sein würde, so gut
passt es für eine Römerin der Kaiserzeit. Es ist dies wieder
einer der Fälle, wo sich Züge römischer Kultur in die Dar-
stellung der griechischen Heldensage eindrängen, und steht
auf derselben Stufe damit, dass die Jagdgefährten des
Hippolytus als Barbaren mit dacischem oder gallischem Ge-
sichtstypus dargestellt werden. Hinter der Phaedragruppe
ist, wie auf 165. 166. ig6. 170 das Parapetasma ausge-
spannt. Davor steht auf einer schmalen Säule eine niedrige
Vase, wohl ein Räuchergefäss. Dagegen fehlt das Diana-
Tempelchen. Die Amme entspricht in Stellung, Gewandung
und Gesticulation der auf 16g. 170, doch sind hier die Hände
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