Robert, Carl   [Hrsg.]; Matz, Friedrich [Hrsg.]; Andreae, Bernard   [Hrsg.]; Robert, Carl   [Hrsg.]
Die antiken Sarkophagreliefs (3,2): Einzelmythen: Hippolytos - Meleagros — Berlin, 1904

Seite: 234
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MARS UND RHEA

gestanden hat, von dessen Kopf noch Ansätze im Relief-
grund erhalten gewesen sein mögen. Neben Venus steht
im Hintergrund ein fast noch knabenhafter Jüngling mit
langem lockigem Haar in gegürtetem Chiton und phry-
gischer Mütze, die Blicke auf die Göttin gerichtet, ent-
weder ihr Geliebter, der Vater des Aeneas und Ahnherr
der Rhea Silvia Anchises oder, was wegen der knaben-
haften Bildung vielleicht wahrscheinlicher ist, ihr Enkel
Ascanius, der auch sonst auf römischen Denkmälern mit
dem Pedum erscheint, vgl. z. B. die Medaille des Antoninus
Pius bei Cohen Medaüles Imperiales II2 p. 393.

Zwischen Venus und Vulcan ist Minerva eingeschoben.
Weit vorgebeugt lehnt sie sich mit dem rechten Ellen-
bogen auf eine Stütze, vermuthlich ihren Oelbaum, von
dem zwei Zweigspitzen am oberen Rande und ein Stück
des Stammes neben ihrem rechten Arm erhalten ist. Ihr
heiliges Thier, die Schlange, die vor ihr sichtbar wird,
scheint sich um den Stamm dieses Oelbaums gewunden
zu haben. Gleichzeitig stützt sie den linken Arm auf die
schräg gestellte und auf ihrer Schulter aufliegende Lanze.
Bekleidet ist sie mit Chiton und einem um den Unter-
körper und den linken Unterarm gewundenen Mantel.
Die rechte Hand und der Kopf sammt dem Helm sind
modern, der Helmbusch aber ist antik. Ueber die rechte
Schulter des Vulcan blickt ein ganz in Vorderansicht ge-
stellter Frauenkopf von ernstem und strengem Ausdruck
herüber; die Stirn ist mit einer Binde geschmückt, das
Haar an den Schläfen gepufft. Links von ihr über Somnus
steht der jugendliche Bacchus, die Linke auf einen Stab,
ohne Zweifel den Thyrsus, gestützt, die Rechte auf das
Haupt gelegt, das mit Weinlaub und einer auf die rechte
Schulter herabhängenden Traube geschmückt ist. Auf der
linken Schulter wird ein Gewandstück mit einer Spange
sichtbar. Reifferscheid fasste die Göttin mit Bacchus zu
einer Gruppe zusammen, die er Liber und Libera benannte.
Allein dem Frauenkopf fehlt jedes bacchische Attribut.
Dagegen empfehlen sowohl der starre Gesichtsausdruck
als die Stellung neben Vulcan und oberhalb der Vestalin
Rhea Silvia die Deutung auf Vesta.

In der Göttergruppe auf der linken Seite ist der
thronende Iupiter die Hauptfigur; er ist tiefer gestellt
als die übrigen Olympier und bildet offenbar das Pen-
dant zu der Venus auf der rechten Seite. Ein mächtiges
Scepter, das an seiner linken Schulter anlehnt und von
seiner linken Hand gehalten wird, ist von dem Restau-
rator in seinem unteren Theil als Ruder ergänzt worden,
wodurch getäuscht die Interpreten die Figur für einen
Flussgott erklärt haben. Die rechte Hand legt er auf
den Hinterkopf; der linke Arm wird von einem Zipfel
des Mantels bedeckt. Dem gesenkten Kopf liegt ein sehr
strenger Typus, wohl des fünften Jahrhunderts zu Grunde;
er ist mit einer breiten Binde umgeben, um die das Haar

über den Schläfen herumgewunden ist; auf die Brust fallen
zwei lange gedrehte Locken herab, vgl. den Iupiter auf dem
einen Candelaber der Hadrians-Villa (Visconti // Museo Pio-
Clementino IV 2; Overbeck Kunstmythologie I 6) und auf der
capitolinischen Ära (Bottari et Foggini Museum Capitoli-
num IV 8; Overbeck a. a. O. I 49). Links neben ihm steht
Victoria, das linke Bein über das rechte geschlagen und
sich etwas nach Iupiter hin lehnend. Der linke Arm scheint
aufgestützt zu sein, vielleicht auf die Sessellehne des Iupiter,
von der jedoch nichts wahrzunehmen ist. Die linke Hand
ist bis auf die das Haar berührende Spitze des Zeigefingers
modern. An der rechten Schulter ist das Ende eines
Palmzweigs erhalten, so dass die Ergänzung des rechten
Armes gesichert ist. Das Haar ist sorgfältig frisirt, mit
einer Binde durchzogen und über der Stirn zu einer Schleife
zusammengebunden, die auf Winckelmann's Stich als Krebs-
scheeren missverstanden ist; eine Locke fällt auf die rechte
Schulter herab. Der Oberkörper ist ganz entblösst; um
die Beine ist ein Mantel geschlungen, dessen einer Zipfel
über die linke Schulter emporgezogen ist. Diese Gruppe
von Iupiter und Victoria kehrt sehr ähnlich und gewiss
nach demselben Original auf dem oberen Theil einer pom-
peianischen Wand vierten Stiles wieder (s. die Textab-
bildung nach Archaeologische Zeitung XXVI 1868 Taf. 4;
vgl. Heydemann ebd. S. 3 3 ff.;

Sogliano Le pitture murali
campane p. 19 nr. 73); augen-
scheinlich ist sie dort wie so
oft als Statuengruppe gedacht.
Victoria in derselben Tracht
und mit demselben Attribut
wie auf dem Sarkophag steht
diesmal rechts; vor den Füssen
des Iupiter befindet sich ein
Loosgefäss, auf das er mit
der Hand weist. Zu seiner

Linken steht noch eine dritte pompeianisches bild.

Figur mit einem Loostäfelchen

in der gesenkten Linken; die mädchenhafte Tracht schliesst
die von dem ersten Herausgeber vorgeschlagene Deutung
auf Inno aus; eher mag an eine Parze gedacht werden.
Auf keinen Fall aber darf man die Darstellung mit dem
auf der Wand darunter befindlichen Bilde des schlangen-
würgenden Hercules in Verbindung bringen. Die hier von
einem pompeianischen Wandmaler copirte Statuengruppe
scheint auch der Sarkophagarbeiter benutzt zu haben, wo-
bei er die für seine Darstellung nicht passende Parze weg-
liess. Victoria ist übrigens auch auf dem Fries aus dem
Columbarium vom Esquilin [Monumenti deW Instituto X
tav. 60, a) bei der Scene zugegen, allerdings in ganz
anderer eigentlich dem Amor zukommender Funktion, als
die gefällige Helferin des Mars.
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