Robert, Carl   [Hrsg.]; Matz, Friedrich [Hrsg.]; Andreae, Bernard   [Hrsg.]; Robert, Carl   [Hrsg.]
Die antiken Sarkophagreliefs (3,2): Einzelmythen: Hippolytos - Meleagros — Berlin, 1904

Seite: 286
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MELEAGROS

Allerhöchsten Kaiserhauses) 1889 S. 107 A. 2. S. 112 A. 1; Helbig
Führer durch die öffentlichen Sammlungen klassischer Alterthiimer
in Rom r 1899 S. 391 Nr. 578; A. RlEGL a.a.O. S.75ff; ALTMANN
Architectur und Ornamentik der antiken Sarkophage 1902 S. 110.

Auf dem als Kline gestalteten Deckel Fig. 221 ein ge-
lagertes Ehepaar. Die Köpfe sind nur abbozzirt; doch er-
kennt man schon, dass der der Frau die Haartracht aus
dem Anfang des dritten Jahrhunderts erhalten sollte. Der
Mann, in Tunica und Toga, steckt den linken Zeigefinger
in eine geöffnete Buchrolle. Die Frau, in Stola und Palla,
spielt auf einem Saiteninstrument, das die Gestalt einer
Guitarre hat. Am Kopfende der Kline lehnt sich ein nack-
ter ungeflügelter Amor mit gekreuzten Beinen an einen
Pfeiler, auf den er seinen linken Ellbogen stützt; seine
Chlamys hat er als Unterlage auf das Pfeilercapitell ge-
legt. Der Kopf ruht in der linken Hand; die rechte liegt
auf dem linken Oberarm. Neben ihm am Boden ein mit
einem Halsband geschmückter Hund, der den Kopf zu ihm
emporhebt. Auf dem Fussende der Matratze sitzt ein
zweiter unbeflügelter Amor, mit einer Chlamys um den
Schultern; mit beiden Händen hält er eine grosse komische
Maske. Der Sockel des Kastens ist auf der Vorderseite
mit einem spiralförmigen Blattornament verziert.

Die Darstellung auf der Vorderseite Fig. 221 ist so
streng symmetrisch componirt, dass man sich an etrus-
kische Urnen erinnert fühlt. In der Mitte Meleager wie
auf 220, nur dass seine Chlamys auf der rechten Schulter
geheftet und über den linken Arm geworfen ist; auch
ist seine Haltung etwas aufrechter. Rechts von ihm
Atalante im Typus der Artemis von Versailles. Sie
ist nach links bewegt, hält in der Linken den Bogen,
dessen Enden als Vogelköpfe gebildet sind, und zieht mit
der Rechten einen Pfeil aus dem Köcher. Bekleidet ist
sie mit ärmellosem, geschürztem Chiton, gürtelartig um
den Leib gewundener Chlamys und Jagdstiefeln; ihr Haar
ist auf dem Scheitel zu einer Schleife zusammengebunden.
Ihr entspricht links von Meleager ein bärtiger Mann, der
mit der Linken einen runden Schild emporhebt und mit der
erhobenen Rechten einen Stein auf den Eber schleudern
zu wollen scheint. Auch er ist wie Atalante nach links
bewegt. Seine Gewandung besteht aus einer gegürteten
Tunica, einer auf der rechten Schulter gehefteten Chlamys
und Jagdstiefeln. Seine ganze Erscheinung hat etwas so
Majestätisches, dass der Verfertiger vielleicht in der That
bei ihm an König Oeneus gedacht haben mag (vgl.
oben S. 284 zu 220 b). Der Eber wird von zwei zottigen
Hunden angefallen, von denen der eine ihn von vorn
stellt, der andere an seiner linken Seite emporspringt,
wobei er nach seinem Ohr zu schnappen scheint. Die
von diesen drei Figuren gebildete Mittelgruppe wird von
zwei jugendlichen Reitern eingefasst, die nach rechts und
links davonsprengen; ohne Zweifel sind es die Dioscuren

wie auf 220, obgleich sie als solche nicht charakterisirt
sind. Sie haben dieselbe Tracht wie der königliche Stein-
schleuderer, nur dass ihre Jagdstiefel die Zehen unbedeckt
lassen. Als Schabracken dienen ihnen Pantherfelle; das
Pferd des Dioscuren links trägt überdiess noch ein Hals-
band mit einer Lunula. Der nach rechts scheinbar über
den Eber hinwegsprengende Dioscur führt, den Kopf zu-
rückwendend, mit der senkrecht gehaltenen Lanze einen
Stoss nach dem Rücken des Thieres; seine Chlamys flattert
über seiner rechten Schulter hoch empor. Sein nach links
galoppirender Bruder, der die Chlamys dicht um den
Oberkörper geschlungen hat, scheint nur mühsam sein
scheugewordenes Pferd zu zügeln; Ross und Reiter wenden
den Kopf nach dem Eber zurück. Die schon in diesen
Reitern zur Geltung kommende centrifugale Bewegung
setzt sich in den beiden Eckfiguren fort. Es sind dies
zwei bärtige Männer in derselben Tracht wie Oeneus, die
in derselben Richtung wie die Dioscuren bewegt sind und,
wie diese, den Kopf der Mitte zukehren. Der zur Rechten
holt mit über dem Kopf erhobenem Schwert (s. Fig. 221b)
zum Schlage aus, während er mit der Linken einen Zipfel
seiner Chlamys emporzieht. Der zur Linken trägt in der
rechten Hand das gezückte Schwert, während sein anderer
Arm durch das Ross des Dioscuren verdeckt wird. Auf
der linken Hälfte der Bildfläche sind unten, als Geo-en-
stücke zu dem Eber und den Hunden, noch drei Thiere
angebracht: hinter den Beinen des Oeneus ein gestürzter
verendender Steinbock; links von ihm ein grosser mit
einem Halsband geschmückter Hund, der einen ängstlich
sich duckenden Hasen zwischen den Vordertatzen hält.

Auf der rechten Schmalseite Fig. 221b zwei bärtige
Netzträger mit barbarischem Gesichtstypus. In der rechten
Hand tragen sie die zur Befestigung des Netzes dienenden
Stäbe. Ihre Gewandung besteht aus einer geschürzten
Tunica mit langen Aermeln, die bei dem vorderen von
ihnen etwas emporgeschoben und aufgekrempelt sind, und
aus Stiefeln. Rechts steht ein grosser Oelbaum mit
Früchten; vier kleinere ebensolche sind in der Mitte auf
dem Reliefgrund in verschiedener Höhe vertheilt. Ausser-
dem ist auch hier wieder zur Raumfüllung mancherlei
Gethier angebracht: hinter dem vorderen Netzträger ein
nach rechts fliehender Hirsch; zwischen seinen Beinen ein
"Hase, den ein mit Halsband geschmückter Jagdhund zu
Boden geschlagen hat und in den Kopf beisst. Zwischen
den Beinen des zweiten Trägers ein gestürzter Steinbock
mit nach oben gedrehtem Kopf. Vgl. 151b.

Während die rechte Schmalseite nach Gegenstand und
Composition aufs engste mit der Vorderseite zusammen-
gehört, trägt die linke Fig. 221c, die eine dramatische
Episode aus einer Löwenjagd des täglichen Lebens dar-
stellt, einen gänzlich verschiedenen Charakter. Hier baut
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