Robert, Carl   [Hrsg.]; Matz, Friedrich [Hrsg.]; Andreae, Bernard   [Hrsg.]; Robert, Carl   [Hrsg.]
Die antiken Sarkophagreliefs (3,2): Einzelmythen: Hippolytos - Meleagros — Berlin, 1904

Seite: 348
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MELEAGER

Linken die Fackel, jedoch so dass deren Flamme ihrem
eigenen Gesicht zugekehrt ist. Danach scheint es, dass
sie ausholt, um die Fackel auf Althaea zu schleudern, statt
sie wie sonst gegen ihre Brust zu stossen. Die Parze ist
weggelassen. Wenn nun auf der Vorderseite Apollo dem
Meleager den Tod giebt, auf dieser Schmalseite aber Althaea
das verhängnisvolle Scheit ins Feuer wirft, so folgt daraus,
dass der Gott hier und folglich auch auf 283 urid 286 nur
als der Vollstrecker des von Althaea heraufbeschworenen
Verhängnisses zu verstehen ist, ähnlich wie der Orcus auf
den römischen Jagdsarkophagen. Vgl. 274, wo umgekehrt
die That der Althaea auf die Vorderseite und Meleagers
Tod auf die Schmalseite gestellt ist.

Auf der rechten Schmalseite Fig. 285b der Selbst-
mord der Althaea, aber wieder in durchaus eigenartiger,
von 230 a. 231. 292a. 293 a. 306 abweichender Darstellung.
Rechts das Grabmal des Meleager, ein grosser, auf einem
Felsen stehender Sarkophag mit giebelförmigem Deckel
und einer Guirlande auf der dem Beschauer zugewandten
Schmalseite. Links vor dem Grabmal liegt Althaea auf
dem rechten Knie und stösst sich mit der Rechten das
Schwert in die Seite. Ihr Haar ist gelöst; das linke Bein
und die rechte Brust sind von dem Gewand, einem Chiton
mit gegürtetem Ueberschlag, entblösst, die linke Hand ist
mit erregter Geberde gesenkt, der Kopf zu einem hinter
ihr stehenden jugendlichen Mann emporgewendet, der sie
mit der Rechten an ihrem rechten Oberarm fasst, offenbar
um sie an der That zu hindern, wie auf 230 a die Amme.
Dieser Mann, der mit einer Exomis bekleidet ist, und die
linke Hand auf einen Speer stützt, ist aber gewiss keine
mythologische Person, sondern nur der Doryphorus der
Königin.

Aus der Mitte des zweiten Jahrhunderts.

286) P. Verschollen; um die Mitte des sechzehnten
Jahrhunderts in Rom. Fig. 286. Nach dem Coburgensis
Fol. 70 Nr. 227.

Alte Zeichnung: coburgensis a.a.O.

Litteratur: matz und von Duhn Antike Bildwerke in Rom
1881 II S. 401; Robert Hermes XXXIII 1898 S. 153 A. 1.

Diese Platte Fig. 286 ist eine Replik von 285, nur dass
sich die Komposition nicht in die Höhe aufbaut. An den
Ecken, wie 283. 285, die Dioscuren auf ihren Pferden,
beide mit der Chlamys bekleidet und mit der Lanze in der
gesenkten Rechten. Der besser erhaltene Dioscur an der
linken Ecke wendet den Kopf nach rechts, sein Pferd den
seinen nach links. Daraus darf man schliessen, dass der
stärker verstümmelte Dioscur an der rechten Ecke seinen
Kopf nach links, sein Pferd aber den seinen nach rechts
gewendet hatte.

Die erste Scene Apollo und Meleager im Ganzen
wie auf 283. 285. Der Gott setzt, wie auf 283, seinen

rechten Fuss auf eine Felserhöhung; seine Chlamys flattert
nicht im Winde, sondern fällt glatt über den Rücken herab.
Meleager hält nach der Zeichnung in der gesenkten Rechten
eine kurze Keule, eine ihm in keiner Weise zukommende
Waffe. Wahrscheinlich war es das am Wehrgehäng ge-
haltene, in der Scheide steckende Schwert (vgl. 287b. 303a),
das der Zeichner verkannt hat. Wie auf 283 wird diese
Scene rechts durch eine Säule mit einer Urne abge-
schlossen.

In der zweiten weit ausgedehnteren Scene, Me-
leagers Heimtragung, ist zunächst der Streitwagen
mit seinem Lenker wie auf 231. 283. 285 dargestellt. Im
Hintergrund ist ein Parapetasma ausgespannt, an dessen
rechtem Ende ein Marmortondo mit einer Darstellung der
calydonischen Jagd angebracht ist (vgl. 283): Meleager wie
auf den römischen Jagdsarkophagen dem Eber mit der
Lanze den Todesstoss gebend; hinter ihm zwei weitere
Jäger, unter denen wir uns wohl die Dioscuren vorzustellen
haben, vor ihm ein Baum. Vor diesem Parapetasma
und hinter den Pferden werden drei trauernde Begleiter
des Wagens sichtbar. Der vorderste, ein bärtiger Mann,
hebt mit der Rechten die Chlamys zum Gesicht empor, um
sich die Thränen abzutrocknen. Hinter seinem Rücken der
nach links gewandte unbärtige Kopf des zweiten; der dritte,
der nur mit der Tunica bekleidet ist, scheint den Kopf nach
dem Wagenlenker zurückgewandt zu haben und hebt wie
im Gespräch mit ihm die rechte Hand, vgl. 230 a. 283. 285.
Der sterbende Meleager wird, wie auf 230a. 231. 283,
von drei Dienern getragen und legt seine linke Hand auf
die rechte Schulter des zweiten Trägers. Der sich zu ihm
niederbeugende Paedagoge stützt die rechte Hand auf
einen Stab. Im Hintergrund werden die Köpfe dreier Be-
gleiter sichtbar, der erste bärtig, der zweite unbärtig, der
dritte behelmt. Dem Zug voraus schreitet, wie auf 230 a.
231. 271, Oeneus. Von seinem rückwärts erhobenen Arm
wird noch ein sehr undeutlicher Rest über dem Nacken des
zweiten Trägers sichtbar. Wie gewöhnlich ist er mit einem
langen gegürteten Chiton und einem um den Unterkörper
geschlungenen und über die linke Schulter geworfenen
Mantel, der Theatertracht der Könige, bekleidet, an der
linken Hüfte trägt er das Schwert; vgl. 283. Von rechts
stürzt Althaea ihrem sterbenden Sohne mit ausgebreiteten
Armen entgegen; vgl. 230a. 231. Den mit gegürtetem
Ueberschlag versehenen Chiton hat sie von der linken
Brust herabgerissen. Das rechte Bein trat nackt aus den
Chitonfalten heraus; vgl. 285. Eine ihrer Töchter, die
einen Chiton mit Ueberschlag und einen bogenförmig über
ihrem Haupt flatternden Mantel trägt, sucht sie zurück-
zuhalten, indem sie die rechte Hand auf ihre Brust legt,
vgl. 231. Die andere Meleagride, die bloss mit dem
Chiton bekleidet zu sein scheint, steht rechts von ihr im
Hintergrund und hebt beide Arme entsetzt empor.
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