Robert, Carl   [Hrsg.]; Matz, Friedrich [Hrsg.]; Andreae, Bernard   [Hrsg.]; Robert, Carl   [Hrsg.]
Die antiken Sarkophagreliefs (3,3): Einzelmythen: Niobiden - Triptolemos ungedeutet — Berlin, 1919

Seite: 527
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TAFEL CXLI 436

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verschwindet hinter der linken Schulter des Gefangenen und
ist vermutlich als auf dessen Rücken liegend zu denken.

Die dritte Szene zeigt ein auf einem breiten Thron in
tiefer Niedergeschlagenheit dasitzendes Paar. Die Lehne
dieses Throns wird von dorischen Säulen eingefaßt, die ein
Gesims tragen. Zwischen den Säulen ist eine Blättergir-
lande aufgehängt, die sich aber etwas verschoben zu haben
scheint. Vor dem Thron steht ein niedriger Schemel, auf
den der Jüngling seine Füße setzt, während er den linken
Arm auf die Seitenlehne stützt. Er ist nur mit einem Mantel
bekleidet, der den linken Oberarm und beide Oberschenkel
bedeckt. Das Haupt ist nach der rechten Schulter geneigt.
Die Gesichtsmaske ist modern. Den rechten Arm legt er
um den Nacken einer Frau, die in gebeugter Haltung neben
ihm sitzt. Ihre Füße ruhen auf einem besondern, höherem
und schmalerem Schemel. Ihre Gewandung, die aus Chiton,
einem über den Kopf gezogenen und den ganzen Oberkör-
per verhüllenden Mantel und Schuhen besteht, macht den
Eindruck der Brauttracht. Der rechte Arm ist auf das Knie
gestützt.

In der vierten, die rechte Ecke einnehmende Szene ste-
hen zwei bärtige Krieger vor einer alten Frau, ihren Worten
aufmerksam lauschend. Diese Alte1) sitzt auf einem Steine,
auf den sie den linken Arm stützt, s. Fig. 436'. Fig. 436".
Mit der erhobenen Rechten begleitet sie ihre Rede. Be-
kleidet ist sie mit Chiton, Mantel und Kopftuch. Der ihr
zunächst stehende Krieger, der gegürtete und geschürzte
Tunica, Mantel und Stiefel trägt und in der Linken eine
Lanze hält, hebt die Rechte nachdenklich empor. Der
zweite Krieger, im Mantel und mit einem Speer in der
Rechten, hält mit der Linken ein Pferd am Zügel. Zwi-
schen ihm und diesem Pferde sitzt am Boden ein Hund,
der den Kopf nach der Alten emporreckt. In der rechten
oberen Ecke liegt auf einem überragenden Felsen eine
Quellnymphe. Ihr Oberkörper ist entblößt. Die linke
Hand legt sie auf eine Urne, die auf ihrem linken Knie ruht
und aus der Wasser strömt.

Auf der linken Schmalseite Fig. 436a. Fig. 436a'
reicht ein bärtiger Mann von königlichem Aussehen einem
gepanzerten Krieger die Hand; dieser Mann ist mit einem
Mantel, Fig. 436 a' auch mit einer Ärmeltunica bekleidet.
Der Krieger ist Fig. 436 a jugendlich, Fig. 436 a' bärtig
gezeichnet. Er trägt Stiefel und über dem Panzer einen
Mantel, die erhobene Linke stützt er auf einen Speer. Zwi-
schen beiden steht eine Frau in Chiton und Mantel, die
ihre linke Hand auf die linke Schulter des Kriegers legt
und ihre rechte Hand vor die Brust erhebt; Fig. 436a ist
die Fläche dieser Hand mit leicht gespreizten Fingern dem

') Fig. 436' ist ihr Gesicht jugendlich gezeichnet, aber die Runzeln
sind noch jetzt trotz der Zerstörung wahrnehmbar. Auch hier erweist sich
also Fig. 436"' als zuverlässiger.

Beschauer zugekehrt, eine Gebärde des Schreckens oder
der Sorge, Fig. 436 a' ist sie geschlossen, als ob sie etwas
hielte. Links schließt ein dicker Baum die Darstellung ab.

Auf der rechten Schmalseite Fig. 436b liegt auf
einem Ruhebett eine in einen Mantel gehüllte Figur. Da
sie mit der rechten Hand die Matratze faßt, muß der Ober-
körper etwas nach unten gekehrt gewesen sein. Ob die
Figur tot oder krank ist oder ob sie schläft, läßt sich bei
dem Fehlen des Kopfes nicht entscheiden; nach der Dra-
pierung scheint sie männlich zu sein. Oben ist ein Vor-
hang ausgespannt.

Für die Sorgfalt, die der Zeichner des dal Pozzo dies-
mal auf seine Arbeit verwandt hat, spricht es, daß er auch
die Klammerlöcher in beiden Schmalseiten wiederzugeben
nicht vergessen hat.

Die zuerst von Winckelmann aufgestellte und bis heute
stets unwidersprochen weitergegebene Deutung auf die
Alope des Euripides ist in keiner Weise haltbar, wäre es
auch dann nicht, wenn die Übereinstimmung mit der Er-
zählung des Hygin fab. 187 größer wäre, als es in Wahrheit
der Fall ist. Die aus dem Hause heraussehende Frau in
der ersten Szene soll die gefangene Alope sein; aber sie
macht nach Aussehen und Tracht keineswegs den Eindruck
einer Gefangenen; einer solchen würde es auch schwerlich
möglich sein, sich mit Fremdlingen aus einer Öffnung des
Obergeschosses heraus zu unterhalten. Das Gebäude sieht
auch gar nicht wie ein Gefängnis, sondern wie ein Land-
haus aus. Wenn die Tür geschlossen ist, so kann dies ver-
schiedene Gründe haben, z. B. den, daß die Frau allein zu
Hause ist und unbekannten Reisenden nicht öffnen will.
Das Pferd in derselben Szene soll die Stute sein, die den
ausgesetzten Hippothoon gesäugt hat; aber dann dürfte
doch der Knabe nicht fehlen. In der zweiten Szene soll
Hippothoon zu Kerkyon gebracht werden; aber hier macht
wieder die Benennung der Frau Schwierigkeit. Der Ge-
fangene soll der vor Kerkyon geführte Hirt sein, der das
Kind gefunden hat. Aber bei Euripides sind es zwei Hir-
ten; der eine findet das Kind, der andere läßt es sich von
ihm abtreten, und dann entwickelt sich der Streit um die
ivorpüjptafiaTa, infolgedessen beide Hirten als Recht su-
chende, nicht als Gefangene oder Verhaftete vor den König
treten. Vor allem aber beruht die ganze Deutung auf der
falschen Ergänzung des angeblichen Hirten. Fig. 436" zeigt
sein ursprüngliches Aussehen, und damit ist der Deutung auf
den Alopemythos unwiederbringlich der Boden entzogen.
Es kann jetzt keine Frage sein, daß der Gefangene ein be-
siegter Barbarenfürst ist, dessen Frau ihr Kindlein zu dem
Sieger emporhebt, um dessen Mitleid zu erwecken; vgl.
Herodian VII 8, 8 tsxva irpoTei'vavTec uTtoaipwaouaiv aüxouc "ot<;

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