Robert, Carl   [Hrsg.]; Matz, Friedrich [Hrsg.]; Andreae, Bernard   [Hrsg.]; Robert, Carl   [Hrsg.]
Die antiken Sarkophagreliefs (3,3): Einzelmythen: Niobiden - Triptolemos ungedeutet — Berlin, 1919

Seite: 534
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534 UNGEDEUTET

einknickendem rechten Bein ein großes Becken, offenbar um Illustration zu Herodot gefunden hat. Was sich aus der
die Wunde zu waschen. Er trägt Ärmeltunica und Mantel Darstellung ablesen läßt, ist das folgende. Ein Jüngling
und an der Seite ein Schwert. Den Kopf wendet er nach findet auf einer Jagd den Tod. Daß ihm ein Eber die töd-
rechts zurück, der Eckszene zu. Links. wird die Gruppe liehe Wunde beibringt, scheint sich aus ihrer Stelle zu er-
durch die drei Parcen abgeschlossen. Die am meisten geben. Daß ihm dieser Tod durch Schicksalspruch bestimmt
in den Vordergrund gerückte lehnt sich in der Stellung und wahrscheinlich auch verkündet war, lehrt die Anwesen-
der sog. Polyhymnia mit gekreuzten Beinen an einen vor heit der Parcen. Der Sterbende in der Hauptszene ist ohne
ihr stehenden Pfeiler, auf den sie auch beide Arme, den lin- Zweifel derselbe wie der kniende in der rechten Eckszene;
ken wagerecht, den rechten nach oben, aufstützt. In der lin- so weit hat Canina recht. Auch der in der Bittszene hinter
ken Hand hält sie die Schicksalsrolle. Die zweite steht in ihm Stehende wird mit dem Gefährten identisch sein, der

Vorderansicht hinter dem Pfeiler, wendet aber den Kopf
nach dem Sterbenden hin; ihr linker Arm liegt gebogen vor
dem Leib. Die dritte steht im Profil nach rechts hinter der
ersten; ihr rechter Arm hängt ruhig herab. Alle drei tra-
gen Tunica und Mantel und haben das Haar in einen Kno-
ten zusammengebunden.

Die linke Eckgruppe bildet keine besondere Szene für
sich, sondern hängt mit der Mittelgruppe eng zusammen.
Sie besteht aus zwei Jägern und einem Jagddiener. Links
in Vorderansicht ein jugendlicher Jäger in Tunica und Mantel,
mit einem Speer in der Linken. Vor ihm ein nach links lau-
fender Jagdhund, den der Jagddiener mit ausgestreckten
beiden Armen, die ohne Zweifel den Strick hielten, zurück-
zuhalten sucht. Hinter ihm der zweite Jäger, bärtig, in Tu-
nica und Mantel und vielleicht mit einem Helm. Den Kopf
wendet er nach der Mittelgruppe zurück; der rechte Arm
scheint mit einer Gebärde des Bedauerns erhoben gewesen
zu sein; die linke Hand legt er auf seinen am Boden ste-
henden Schild. Vor ihm sitzt ein Hund, der den Kopf
gleichfalls nach der Mitte hinwendet. Zwischen dem ersten
Jäger und dem Jagddiener ist ein Baum angebracht.

Im Gegensatz zu dieser linken Eckgruppe bildet die
rechte eine Szene für sich. An der Ecke sitzt auf einem
Klappstuhl ein iupiterartiger Mann, nur mit einem großen
Mantel bekleidet, der seine Beine und seinen linken Arm
bedeckt. Die rechte Hand legt er auf einen vor ihm ste-
henden Dreifuß, der linke Arm ist gebogen und könnte
ein Szepter gehalten haben, von dem aber keine Spur er-
halten ist. Vor ihm kniet ein Jüngling, der den linken in
die Chlamys gewickelten Arm bittend erhebt; der rechte
war gesenkt und vielleicht auf den Boden gestützt. Hinter
ihm steht in etwas gebeugter Haltung ein Gefährte in ge-
gürteter Ärmeltunica und Mantel, der seine rechte Hand
nachdenklich an den Mund legt.

Die Eckmasken tragen ausgesprochenen Panstypus, ob-
gleich die Hörner fehlen.

Die von Canina aufgestellte, ihm von dem Bildhauer
Tenerani suggerierte Deutung auf die Herodoteische No-
velle von Adrastos und Atys I 24 ff. tut sowohl der Er-
zählung des Historikers als der Darstellung die größte Ge-
walt an. Sie ist schon deshalb unwahrscheinlich, weil sich in
unserm ganzen antiken Denkmälervorrat noch keine einzige

in der Sterbeszene das Wasserbecken hält. Dagegen scheint
die königliche Gestalt in der Eckszene nicht der Vater des
Bittenden zu sein. Diesen wird man vielmehr in dem ge-
brechlichen Greis der Hauptszene zu erkennen haben. Die
Schenkelwunde legt den Gedanken an Adonis nahe; aber
alles andere paßt nicht auf diesen Mythos. Die Haupt-
gruppe erinnert an die Heimtragung des Meleager 230 a.
231. 271. 283. 285—303. 307. 308, der greise Vater an
Oeneus; aber da Meleager nicht dem Eber erliegt, ist diese
Deutung ausgeschlossen. Auch in der Liste derer qui ab
apro percussi interierunt bei Hygin fab. 248 findet sich kein
Heros auf den die Darstellung paßt.

Die in Caninas unmöglicher Rekonstruktion des Sar-
kophags (a. a. O. Tav. XIX Fig. 7) eingesetzte Schmal-
seite eines Deckels (Canina
a. a. O. Tav. XIX Fig. 3, da-
nach Fig. 439 a, in der Text-
abbildung S. 533 an der lin-
ken Seite erkenntlich), die zwei
um eine Balaustra gelagerte
Sphinxe enthält, kann wegen
des Höhenunterschiedes nicht
zugehörig sein. Dagegen ist
es wohl möglich, daß das an
der Vorderseite des Turmes
(s. S. 533) eingemauerte Frag-
ment von der linken Schmal-
seite des zugehörigen Kastens
herrührt; es zeigt einen Reiter
in gegürteter Tunica, Mantel
und Stiefeln, der nach rechts 439 b

sprengend den Speer zum Stoß

gegen einen Eber hebt. Unter dem Pferde ein das Wild
anbellender Hund; an der linken Ecke ein Baum. Ich bilde
das Fragment nach Caninas Publikation nochmals hier ab.

440) P. Verschollen. Fig. 440 nach dem Coburgensis.
In der Mitte des Cinquecento in Rom, S. Paolo fuori le mura.

Alte Zeichnungen: CobürGENSIS Fol. 2 (211). Fig. 440. Da-
nach PiGHlANUS Fol. 31 b (208) „in S. Paulo extra muros".

Abbildungen: L.BEGER HerculesEthnicorum 1705 tab.5 nachdem
PiGHlANUS — Archäologische Zeitung VIII 1850 Taf. VII 2 desgleichen.
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