Robert, Carl [Hrsg.]; Matz, Friedrich [Hrsg.]; Andreae, Bernard [Hrsg.]; Robert, Carl [Hrsg.]
Die antiken Sarkophagreliefs (3,3): Einzelmythen: Niobiden - Triptolemos ungedeutet — Berlin, 1919

Seite: 536
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UNGEDEUTET

Die Vorderseite dieser Urne Fig. 4401 ist aus zwei Frag-
menten zusammengesetzt, die von zwei verschiedenen Sar-
kophagen stammen. Das größere rechts, um dessen willen
ich das Stück hier eingeordnet habe, enthält eine Gruppe,
die der auf der rechten Hälfte von 440 sehr ähnlich ist: eine
gelagerte Frau und eine auf sie zuschwebende amorartige

4401

Knabenfigur. Die Frau trägt wie dort einen um die Beine
geschlungenen Mantel und einen zweiten, der sich bogen-
artig über ihrem Haupte wölbt, während ihr Oberkörper
entblößt ist; sie streckt aber nicht wie auf 440 den rech-
ten Arm der Flügelfigur entgegen, sondern faßt auch mit
der rechten Hand ihren sich wölbenden Mantel an. Die
Flügelfigur trägt in beiden Händen eine Fackel und wendet
den Kopf nach links zurück.

Das zweite Fragment, links, das zweifellos von einem
Deckel herrührt, enthält eine thronende Göttin, vor der,
sich etwas vorbeugend, eine zweite steht, die durch den
Köcher auf ihrem Rücken und durch die Melonenfrisur als
Diana bezeichnet ist. Sie trägt ein langes ärmelloses hoch-
gegürtetes Gewand, hält in der Rechten ein in der Scheide
steckendes Schwert und stützt sich mit der Linken auf
einen Speer. Doch scheint es nicht ausgeschlossen, daß
das Fragment an dieser Stelle überarbeitet ist, und daß
sich die Göttin ursprünglich mit beiden Händen auf den
Speer stützte, wozu ihre Haltung noch besser passen würde.
Die andere Göttin sitzt auf einem Thron mit Rücken- und
Armlehne, über den ein Kissen mit Fransen gebreitet ist.
Sie trägt einen von der linken Brust abgleitenden Chiton,
einen langen Mantel und reiche Frisur mit Schulterlocken,
und auf dem Haupte vielleicht ein Diadem. Der rechte
Oberarm ruht auf dem rechten Oberschenkel. In der linken
Hand scheint sie einen Bogen zu halten. Hat es mit diesem
seine Richtigkeit, so müßte es der der Diana sein, der dieser
wegen Mißbrauch abgenommen worden ist1). An einen Zu-

*) Vgl. das berühmte Bild deW Amore punito, Herrmann Denkmäler
der Malerei Taf. 2; vgl. Rodenw 'aldt Komposition der pompejanischen
Wandgemälde S. 73 ff.

sammenhang mit der Iliasszene <l> 479 ff., wo im Götter-
kampf Hera der Artemis ihre Pfeile entreißt und sie auf dem
Schlachtfelde umherstreut, ist schwerlich zu denken; denn,
von allem anderen abgesehen, handelt es sich dort um die
Pfeile und nicht um den Bogen. Vielmehr wird man in der
thronenden Gattin wohl auf alle Fälle Leto zu erkennen
haben. Aber welcher Mythos gemeint sein kann, ist völlig
unklar; es sei denn, daß auch der Bogen von Überarbeitung
herrührt und ursprünglich ein Szepter war. In diesem Falle
könnte man vermuten, daß das Fragment vom Deckel eines
Niobiden-Sarkophags stammt, vgl. 315. Es könnte dann die
Szene gemeint sein, wo Leto sich bei Diana über Niobe be-
klagt, und sie zur Rache aufstachelt; vgl. Ovid Met.Vl 204,ss.\

indignata dea est summoqtie in vertice Cyntht
talibus est dictis gemina mm prole locuta:
„en ego vestra parens, vobis animosa creatis,
et nisi Iunoni nullt cessura dearum,
an dea sim, dubitor perque omnia saecula cultis
arceor, 0 nati, nisi vos succtirritis, aris.
nec dolor hic solus: diro convicia facto
Tantalis adiecit vosque est postponere natis
ansa suis et me, quod in ipsam reccidat, orbam
dixit et exhibuit linguam scelerata paternam."

Allerdings klagt sie dort beiden Kindern ihr Leid; aber
abgesehen davon, daß solche Abweichung jedem Künstler
erlaubt war, ist ja, da wir es mit einem Fragment zu tun
haben, gar nicht gesagt, ob nicht links die Figur des Apollo
weggebrochen ist.

Dies aus zwei heterogenen Fragmenten zusammenge-
setzte Gebilde ist auf Tragbalken mit Atlanten gesetzt, wie
wir sie auch bei dem eben verglichenen Niobiden-Sarkophag
315, ferner II 155 finden; sie rühren von einem dritten Sar-
kophag her.

441) D. F. Rom, Villa Albani, am Galeriegebäude
über dem Portal der zweiten Tür friesartig eingemauert.
Fig. 441. L. 1,62. H. 0,32. Stark ergänzt, u. a. sämtliche
Köpfe außer dem des Reiters in Rückenansicht rechts; die
übrigen Ergänzungen sind auf der Abbildung leicht zu er-
kennen. Zu beiden Seiten sind zwei nicht zugehörige Platten
mit Flußgöttern angesetzt. Zeichnung von Eichler 1874.

Raffei bezeichnet 1773 das Stück als „ultimamente dissotterrato".

Abbild ungen: Stefano Raffei Osservazwni sopra alcuni an-
tichi Monumenti essistenti nella villa dell' Eminentissimo Signor Ales-
sandro Albani. Diss. III [sopra un singolar combattimento 1773 (1821)
p. 53. — magnan Ville di Rome I 1778 nr. 110. — zoega Li bassi-
rilievi antichi di Roma 1808 II tav. 55.

Literatur: Raffei a. a. O.p. 55 ss. (Achill und Memnon); Magnan
a. a. O. p.62; Morcelli Indicazione antiquaria per la villa subur-
bana dellEccellentissima Casa Albani 1785 p. 27 w. 219; Corre-
spondance de Napoleon I 185g 502 nr. 21g; Zoega App. (1795)
Fol. 192 s. Nr. 57 (Hector und Patroclus); ders. Li Bassirilievi antichi
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