Assmann, Jan  
Die Gott-Mythologien der Josephsromane — Düsseldorf, 2013

Seite: 9
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die noch von zahllosen späteren Generationen als eine musterhafte
Geschichte erzählt werden wird und in deren Spuren andere wan-
deln werden.
Mythos bezeichnet also im Romanwerk Thomas Manns ein
Gehecht von Geschichten, in denen sich den Menschen sowohl
die Welt im Großen und Kosmischen als auch ihr Leben im Ein-
zelnen und Biographischen auslegt. Im Kosmischen geht es um
Sternbilder und Götterschicksale, im Biographischen um mensch-
liche Schicksale und Erlebnisse. Beide Ebenen — Götter und Men-
schen, Himmel und Erde - sind durch das Gesetz der »rollenden
Sphäre« verbunden, einen Gedanken, den Thomas Mann von dem
Assyriologen und Alttestamentler Alfred Jeremias übernommen
hat. Die babylonische Astralmythologie, die auf der Entsprechung
von oben und unten beruht, wird in diesem Bild auf geniale Weise
verzeitlicht. Menschliche Schicksale, die ins Außerordentliche rei-
chen, steigen zu Sternbildern und Göttergeschichten verewigt in
den Himmel auf Götterschicksale bilden zeitlose Muster, die je
und dann auf die Erde herabkommen und in außerordentlichen
Menschenschicksalen wieder »Fleisch werden«. Unteres und Obe-
res bilden zwei Hälften einer sich ergänzenden Wirklichkeit, und
diese Ergänzung faltet sich im Ablauf der Zeit in das Nacheinan-
der sich abwechselnder Phasen auseinander.
Die mythische Zeit ist durch drei Begriffe gekennzeichnet:
Tiefe, Geheimnis und kreisende Wiederkehr:
Hier mündet unsere Rede nun freilich ins Geheimnis ein, und unsere
Hinweise verlieren sich in ihm: nämlich in der Unendlichkeit des
Vergangenen, worin jeder Ursprung sich nur als Scheinhalt und
unendgültiges Wegesziel erweist und deren Geheimnis-Natur auf der

geschieht, kann zur Geschichte werden und zum schönen Gespräch, und leicht
kann es sein, daß wir in einer Geschichte sind« (868).

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