Assmann, Jan  
Die Gott-Mythologien der Josephsromane — Düsseldorf, 2013

Seite: 12
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des Menschseins in den Raum der Wirklichkeit, des Nicht-
hier und Nicht-jetzt, des Umfangenden, das dem Existierenden
Wirklichkeit gibt. Die Götter bilden einen Erfüllungshorizont
menschlichen Daseins, in ihnen gewinnen die Möglichkeiten des
Menschseins Gestalt. Ihre Wirklichkeit ist nicht das Kosmische,
sondern das Menschliche. Das Apollinische und das Dionysische
im Sinne Nietzsches sind Optionen menschlicher Selbstverwirk-
lichung; Thomas Mann ergänzt diese Dichotomie durch das Her-
metische, das Prinzip der Vermittlung und Verbindung durch
Versprachlichung und Verständigung. Apollon, Dionysos, Her-
mes, aber auch Ischtar, Dumuzi, Attis, Osiris, Isis, Horus, Seth
begegnen uns in Mitmenschen und stehen uns als Leitsterne eige-
ner Lebensgestaltung und Weltauslegung vor Augen. Die ägypti-
schen Götter scheinen Thomas Mann freilich den Toten näher zu
stehen als den Lebenden. Das ist der zentrale Punkt seiner bzw.
Josephs Kritik an der ägyptischen Religion. »Eure Toten sind
Götter, und eure Götter sind Tote, und ihr wißt nicht, was das ist:
der lebendige Gott.« (803)
Aber auch der Tod gehört zu den Pormen und Pundamentalien
des Menschseins, und die Intensität, mit der dieser Aspekt der
menschlichen Existenz in der ägyptischen Religion Ausdruck En-
det, läßt sich auch als eine ihrer Stärken interpretieren. Jedenfalls
machen die ägyptischen Götter, was ihre Menschennähe angeht,
keine Ausnahme. Die Götter des Mythos sind den Menschen sehr
nahe, sie sind nichts anderes als außerordentliche Menschen bzw.
außerordentliche Momente des Menschseins, und ihre Unsterblich-
keit besteht in der Zeitlosigkeit oder Gleichzeitigkeit der mythischen
ZeitformM Die Mythologie kennt Beispiele dafür, dass einzelne,

1° Die Nähe dieser Auüassung des Göttlichen zur Lehre des Euhemeros, eines
griechischen Philosophen des 4.-3. Jahrhunderts v. Chr., ist unverkennbar. Euhe-
meros hatte gelehrt, dass die Götter ursprünglich Sterbliche waren - Könige,

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