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Die Bewegung: Zeitung d. dt. Studenten — 11.1943

Seite: 25
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Ausgabe Rhein, Südwest

PREIS IS PFENNIG AM UNCHEN, (.f IBRUAR 1943 /II. JAHRGANG / PO IC E S

Alle Kräfte für den Siegt

Student und Studentin
im totalen Krieg

< Von Regierungsreferendar Helmut Kühnau

Allen erkennbar, hat nun eine neue Phase
des Krieges begonnen, die sich dadurch be-
merkbar machen wird, daß in noch weiterem
Umfange Reserven genutzt werden, und daß
alles, was nicht unbedingt kriegswichtig ist,
in den Hintergrund tritt.

Naturgemäß wird auch dann die Frage zu
stellen sein, ob und in welchem Umfange die
Hochschulen zu diesem stark beschnittenen
Kreis kriegswichtiger Einrichtungen gehören,
und weiterhin, ob das Leben an ihnen in den
- bisherigen Formen weitergeführt werden kann.

Im folgenden soll versucht werden, auf diese
beiden Fragen eine Antwort zu geben. Die
erste Frage, ob die Hochschulen auch bei der
neuerdings stärkeren Konzentration der Kräfte
auf "die Führung des Krieges ein Daseinsrecht
haben, ist, soweit technische Hoch-
schulen in Frage kommen, bereits beant-
wortet. Ihre Notwendigkeit als F o r s c h u n g s-
und Lehrstätten ist ohne Einschränkung
zu bejahen. Bei der unwägbaren Bedeutung
der Technik sowohl auf dem Gebiete der Waf-
fen in weitestem Sinne als auch auf dem Ge-
biete der kriegsbedingten industriellen Ferti-,
gung würde jeder Stillstand, auch wenn er nur
zeitweilig, wäre, einen Rückschritt bedeuten,
den wir uns ais kaegtünrende Macht nicht lei-
sten können. Zum Teil anders verhält es sich
bei den Universitäten. Hier ist auf den ersten
Blick die elementare Notwendigkeit nicht zu
erkennen. Doch liegt eine gewisse Anerken-
nung seit langem vor, insofern als Winter für
Winter zahlreiche Soldaten beurlaubt wurden,
um ihr Studium fortzusetzen bzw. zu beenden.
Daß dies nicht nur deswegen geschah, üm diese
Soldaten in ihrem Zivilberuf zu fördern, ist
offenbar. Vielmehr knüpfte man höchsten Orts
daran bestimmte Erkenntnisse und Erwartun-
gen. Macht man sich die Mühe, diesen Dingen
nachzuforschen, so ergeben sich Momente, die
auch die Universitäten als kriegs-
^notwendig erscheinen lassen, wenn auch
mit Einschränkungen.

Kriegsbedingte Zweckforschung

Die Aufgaben der Universitäten im Rah-
men des totalen Krieges können nur die sein,
den fachlich hinreichend ausgebildeten Nach-
wuchs für lebensnotwendige Ge-
biete zu stellen. Dabei gilt es nicht nur
an die Erfordernisse der Jetztzeit zu denken, son-
dern auch an die Zeit unmittelbar nach Kriegsende.
Dann wird das im Kriege Errungene im Frieden zu
sichern sein, wofür eine große Anzahl vorge-
bildeter Kräfte vorhanden sein muß. In die-
sem Sinne, aber auch nur in diesem, ist die
Universität jetzt kriegsnotwendig. Wenn es
auch im Interesse der Wissenschaft bedauer-
lich ist, daß nunmehr eine Umwandlung
freier wissenschaftlicher For-
schung in eine reine kriegsbe-
dingte Zweckforschung und -lehre
erfolgen muß, so darf nicht vergessen werden,
daß jedwede wissenschaftliche Betätigung in
der ersten Form als unabdingbare Vorausset-
zung das gesicherte Dasein des Volkes hat.

Die Folgerungen aus dieser Erkenntnis sind
bald zu ziehen. Sie bedeuten Wegfall alles des-
sen, was ausschließlich der wissenschaft-
lichen Liebhaberei des einzelnen dient und
schärfste Konzentration auf die
unbedingt wichtigen, d. h. notwen-
dig e n D i n g e, die als Rüstzeug des kommen-
den Akademikers vorhanden sein müssen.

Xber auch in den dann übriggebliebenen
Vorlesungen gilt es, das Wesentliche vom Un-
wesentlichen zu scheiden. Es hat nur noch
das Platz, was zum Verständnis
und zum methodischen Aufbau er-
forderlich ist; jeder Gelehrtenstreit über
verschiedene Ansichten eines Problems wird
zu unterbleiben haben. Vielmehr wird man sich
begnügen müssen, die herrschende Meinung dar-
zulegen, ohne auf andere einzugehen. Auf diese
Weise dürfte sich eine wesentliche Kürzung des
Stoffes, erreichen lassen, die sich vielleicht in
einer Verminderung der zur Prüfung erforder-
lichen Mindestsemesterzahl auswirken würde.
Das reine Lernen wird vorüber-
gehend die wissenschaftliche Be-
trachtungsweise überwiegen
müssen.

Aber auch auf das Leben an der Uni*

Unserem Kameraden, Major Dr. Ernst K u p t e r-« Angehöriger der Ältherrenschaft K.. H.
Waldow, Heidelberg, wurde vom Führer in Würdigung seines heldenhaften und erfolg-
reichen Einsatzes, als 173. Soldaten der deutschen Wehrmacht das Eichenlaub zum Ritter-
kreuz des Eisernen. Kreuzes Verliehen. Das deutsche Studenten-und Altherrentum freut
sich über die Auszeichnung eines seiner "tapfersten und gratuliert Major Dr. Kupfer

auf das herzlichste Aufn.: Henkel

tiiiiiiiiiiiiiitiiiiiririiiiifiJtiiiflftiFiiitiiifiiiiJiixiiiu>>ti<iiiiiiii>itiiniiiiicitiiitiiitifiiiiririiiiiiiiitiiiiiiiixiiitiiiiiiiitiiiiitiiiJiiif iiiiiiiiiitiiifiirtiiitiiiiii iiiiit

v e r s i t ä t wird sich die neue .Phase des Krie-
ges auswirken. Konnte man .bisher, für die. so-
genannte akademische Freiheit eintreten und
sich darauf beschränken, Auswüchse zu verhin-
dern, so wird auch hier der Rahmen wesentlich
enger gezogen werden . müssen. Fiel, esi früher
für das Volksganze nicht ins Gewicht, ob'ein
Student bis zum Examen eines oder mehrere
Semester mehr benötigte,, so wird dies heute
erheblich. Jedes vertane oder nicht
ausgenutzte Semester' raubt der
Kriegführung einen schaffenden
M e rischen, und zwar was besonders erheb-
lich ist, die Arbeitskraft eines Menschen..
In Zeiten, wo das ganze Volk arbeitet, kann
das Studium nicht mehr eine im Belieben des
einzelnen stehende, mehr oder, minder umfang-
reiche Beschäftigung sein, sondern wird zur
angestrengtesten geistigen Arbeit. Daneben ist
zu fordern, daß während der Semesterferien
unter Hintanstellung aller, persönlichen Wün^
sehe ein Einsatz? im Rahmen des von der
Reichsstudentenführung betriebenen Rü-
s t u n'g s e i n s a t z e s erfolgt, von dem viel-
leicht nur die jeweiligen Prüfungssemester be-
freit werden. Wer an diesem Einsatz
vorbeizukommen versucht, ver-
wirkt das Recht, auf das Studium.
Diese Feststellungen ,gelten in
gleichem Maße auch für das
Frauenstudium. Es wird hinfort zweifel-

los: Elemente.-'geben, die versuchen, durch das
I Studium an einem anderen Arbeitseinsatz vor-
beizukommen. Dieser Entwicklung hat man ver-
sucht vorzubeugen, indem eine sehr straffe
.E in satz p f1i c h t für alle Studieren-
; den während ' der vorlesungsfreien Zeit an-
geordnet wurde.. Diese Maßnahme muß künftig-
tig-ergänzt werden durch eine strenge Auslese
vor Beginn des Studiums. Wer sich durch
diese Erschwerungen abhalten läßt, ist ohnedies
: für. die akademische Ausbildung wertlos. Denn
eine Berufsausübung mit akademischer Vorbil-
' dung ist; meistens weniger gewinnbringend ge-
" wesen und hat zu allen Zeiten an den Idealis-
mus des einzelnen besondere Anfofderungen
gestellt. Es versteht sich am Rande, daß die
erwähnten Einschränkungen kaum auf beur-
laubte Wehrmachtsangehörige oder Kriegsver-
sehrte anzuwenden sind, da diese Studenten,
• die aus dem elementaren Leben der Front
kommen,'.von selbst die Verpflichtung des Krie-
ges erfaßt haben und sich ihrer bewußt sind,
ohne dazu- besonders angehalten zu werden.

Im übrigen gilt es heute für die Universitäten
und die Studierenden nicht, das zu leisten, was
, sämtliche Angehörigen des deutschen Volkes
leisten, sondern es ist allezeit höchste Verpflich-
tung des Studententums gewesen, auf allen Ge-
bieten sowohl in der Erkenntnis als auch in der
Leistung und dem persönlichen Einsatz voran-
z u g e h e n.

Deutsche Pflichtauffassung

Von Karl-August Götz

Wie für Friedrich den Großen ist für Bis-
marck die Pflichterfüllung das
erste Gebot seines Glaubens. Im
Mai 1860 teilt er seinem Bruder mit, daß er das
Geschäft des Ministerpräsidenten übernehmen
würde, obwohl der Gesandtenposten ein Para-
dies der Bequemlichkeit im Vergleich zu der
Mühsal der neuen Stellung sei, weil es ihm
sein Pflichtgefühl gebiete. Er müßte sich für
feige halten und verachten, wenn er vor einer
schwierigen und verantwortungsvollen Situa-
tion verzichtend zurückträte. 1865 bekennt er
Manteuffel: „Wollte ich mich in solchen Fäl-
len für verbraucht erklären, so würde mir der
äußere Friede des Privatlebens längst gewon-
nen, der innere, den ich aus dem Bewußtsein;
des Dienstes für König und Land schöpfe, aber
verloren sein."

Die Versuchung, sich in einem übermüdeten1
Zustand von der öffentlichen Tätigkeit zurück-
zuziehen, wird um des inneren Frie*
dens willen, der die Gewißheit unermüd-
licher Pflichterfüllung ist, abgewiesen;
Und wenn er auch heftig über den Verdruß
In seinem Amt klagt, bleibt die Kraft des Glau-
bens doch lebendig und läßt ihn die Stimmun-
gen mißmutiger Verzagtheit überwinden*

Düs Opfer cW Perscnlichkei! —* ~

Wohl ist Pflichtgefühl auch der Mui zur Ver»
antwortung, die fremde Menschen einem über*
persönlichen Sinn opfert, zuerst ist es aber
über den Willen zu unendlicher Arbeit, über
den Verzicht auf Ruhe und Behaglichkeit hin-*
aus die Bereitschaft, das eigene
Leben in die Waagschale (der ge-
schichtlichen Entscheidung zu
werfen, das Dasein bedenkenlos in den Tod
zu setzen, wenn seine Aufgabe und damit der
Sinn seines .Hierseins gescheitert ist. Aus einer
solchen Gesinnung, die das bloße Leben vor-'
behaltlos der Forderung einer gestellten Auf-,
gäbe unterordnet, meißelten die Hanseaten an'
das Seefahrtshaus in Bremen den stolzen Satz
„Navigare necesse, vivere non est" und stieß
Friedrich der Große in der Gefahr aus sich
heraus: „Es ist nicht nötig, daß ich lebe, wohl
aber, daß ich meine Pflicht tue und für das
Vaterland kämpfe, um es zu retten." Schiller,
der als Landarzt sein schönes Auskommen ge-
habt hätte, hungerte und fror sich lieber zu
Tode, als daß er seinem prophetischen Dichter-
tum den Gehorsam versagt hätte. Nietzsche
geriet in schwärmerische Verzückung, als ihn
im „Zarathustra" das Bewußtsein überfiel: „Auch
das Größte gibt sich noch hin und setzt um
der Macht willen das Leben dran. Das ist die
Hingebung des Größten, daß es Wagnis ist
und Gefahr und um den Tod ein Würfelspielen!"

Als während der Sohlacht von Königgrätz
die Möglichkeit einer Niederlage erörtert
wurde, brach dies Bekenntnis zur un-
lösbaren Verkettung von Eigen-
existenz und Aufgabenford e.rung,
die nur das Entweder — Oder zwischen Sieg
und Untergang kennt wie aus den hansischen
Seefahrerin, wie aus dem preußischen Soldaten-
könig, wie aus Schiller und Nietzsche auch
aus Bismarcks Innerstem: „Dann attackiere
ich mit dem ersten Kavallerieregiment und
lasse mich totschießen, denn dann ist alles
verloren!" Und noch nachdem alles vorbei
war, gestand er: „Hätte eine Schlacht vor
Berlin geschlagen werden müssen und wäre
sie verloren worden, so wäre ich nicht daraus
zurückgekehrt."

Das, was ihm die Sicherheit seines Handelns,
was seinem Pflichtgefühl den Inhält schaffte,
nannte Bismarck sein Gewissen. Es macht für
ihn die Festigkeit seiner Uberzeugung, den
Inbegriff dessen aus, was ihm in der
Stunde der Entscheidungen Ge-
wißheit verschafft.

Diese Bismarcksche Pflichtauffassung steht
in der Freiheit des Täters, der die Wirklich-
keit nach seiner innersten Uberzeugung zu
formen strebt. Bismarck weiß, daß solche ge-
schichtsbildende Überzeugung nicht durch
leere Spekulation, sondern im Tätigsem erwor-
ben wird. Seine Freiheit war ein deutsches
Erbgut, es war die «Gewissensfreiheit
im Sinne der Selbstbestimmung.

Freilich hatte seine Pflichtauffassung nicht
die rationale Klarheit zur Voraussetzung, die
dem kategorischen Imperativ zugrunde liegt.
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