Hinweis: Ihre bisherige Sitzung ist abgelaufen. Sie arbeiten in einer neuen Sitzung weiter.

Die Bewegung: Zeitung d. dt. Studenten — 11.1943

Seite: 101
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/bewegung_muenchen1943/0101
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen Nutzung / Bestellung
facsimile
Einzelpreis 15 Pfennig

ORGAN PER BEICHSSTUPENTENFUHRUNG / MÜNCHEN, ENDE JULI 1943 / 11.

JAHRGANG/ FOLGE 11

Per Reichsmarschali an den Reichsstudentenführer

Dank und Verpflichtung

Der Reichsmarschall des Großdeutschen Reiches, Hermann Göring, hat dem Reichsstudenten-
lührer. Gauleiter Dr. Scheel anläßlich det Wissenschaitslagung der Reichsstudentenführung in
Heidelberg am ö. Juli 1943 ein Telegramm übermittelt, das folgenden "Wortlaut hat:

„An den Reichsstudenteniührer Gauleiter Dr. Scheel, z: Z. Heidelberg

Für die mir von der Wissenschaftskundgebung an der Universität in Heidelberg übersandten
Grüße der dort versammelten Rektoren und Professoren der deutschen Hochschulen und Univer-
sitäten sowie der unter ihrer Führung stehenden deutschen Studentenschaft danke ich Ihnen,
lieber Parteigenosse Scheel, recht herzlich und erwidere diese aufrichtig.

Die Bedeutung der Wissenschaft ist im Krieg und Frieden für die gesamte Volksgemeinschaft
gleichermaßen groß. Es ist ein Zeichen der Stärke unserer Nation, daß sich auch in einem so
entscheidenden Schicksalskampf wie heute trotzdem die Arbeit an den Hochschulen und Univer-
sitäten mit aller Intensität und unter höchster Entwicklung ihrer Kräfte vollzieht.

Die einzelnen Sektoren der Wissenschaft sind vielfältig und weit verzweigt. Es ist meine Über-
zeugung, daß sie eine Einheit bilden, die nur geschlossen gefördert und vorwärts geführt werden
kann. Gerade als Nationalsozialisten kennen wir die Macht des Geistes und der Idee und haben
es wieder sehen gelernt, welch ungeheuren Antrieb die Gestalter und Baumeister des mensch-
lichen Weltbildes ausstrahlen können. Sie alle vermögen nur zu bestehen auf dem Nährboden der
gründlichen Pflege der Wissenschaft.

Die studierende Jugend aber muß wissen, welche Verpflichtung sie als Nachwuchs auf diesem
Gebiete trägt, und wenn sie zum großen Teil heute an allen Fronten getreu ihrer Tradition in
selbstverständlicher Tapferkeit als Soldat ihre Pflicht tut und sich hervorragend bewährt, so muß
Leistung und Haltung derjenigen, die heute an den Hochschulen studieren können, so sein, daß
sie sich den Soldaten der Front würdig erweisen.

Daß das deutsche Studententum unter seinem Reichsstudentenführer so ausgerichtet wurde
und geführt wird, möchte ich an dieser Stelle mit Dank und Anerkennung würdigen.

So trägt die Wisseuschaftsarbeit für den Lehrer sowohl wie für den Studiei enden höchste Ver-
antwortung gegenüber der Volksgemeinschaft in sich; mögen alle da'ran denken, die ihre Träger
sind und in leidenschaftlicher Pflichterfüllung ihr Bestes leisten. Sie tragen damit auch am wirk-
samsten dazu bei, die Segnungen geistiger Arbeit dereinst nach der Rettung der Kultur des Abend-
landes den Völkern wieder in einem kommenden Frieden zuteil werden zu lassen.

Heil Hitler!

Ihr , -«

Reichsmarschall des Großdeutschen Reiches.'

Einsatz studentischer Fachkräfte

Auch am Ende dieses Semesters übernehmen
Deutschlands Studenten auf den verschieden-
sten Gebieten unseres nationalen Lebens be-
rufspraktische Arbeitsaufgaben. Wiederum
bringt der Kriegseinsatz des deutschen Studen-
tentums, den die Reichsstudentenführung
durchführt, dem Studententum die Möglichkeit,
in wirksamer Auswertung der fachlichen Stu-
dienkenntnisse auf die vielfältigste Weise in
der gesamten Volksgemeinschaft während der
Semesterferien mitzuhelfen. Die eingesetzten
Kameraden werden in den Wochen ihrer
Semesterferien wieder Gelegenheit haben,
durch praktische Arbeit auf ihrem Berufs-
gebiet eine fruchtbare Verbindung zwischen
theoretischem Erwerb des Wissens und prak-
tischer Anwendung herzustellen. Indem sie auf

ihrem eigenen Fachgebiet sich berufspraktisch
im Rahmen dieses Einsatzes der Reichsstuden-
tenführung betätigen, vermögen sie Erfahrun-
gen zu sammeln, die auch für die weitere theo-
retische Ausbildung in den kommenden Seme-
stern besonders,» nützlich sind. Deutsch-
lands Studenten werden auch in diesem Jahre
durch Pflichterfüllung und vorbild-
liche Leistung die gestellten Einsatzauf-
gaben mit studentischem. Idealismus in Angriff
nehmen. Das große Vertrauen, das die Führung
des Reiches in das Studententum setzt, wird
auch durch diesen Semestereinsatz auf jenem
Wege seine Bestätigung finden, den das Stu-
dententum im Kampf um seine Bewährung
noch immer gewählt hat: Den Weg der
Leistung

Reichsminister Dr. Goebbels hielt In Heidelberg auf einer Wissenschaftskundgebung der
KeichsstudentenfUhrung eine grundlegende und umfassende Rede an das geistige Deutschland.
(Unser Bildbericht Seite 7.) Der Reichsstudentenfiihrer, Gauleiter Dr. Scheel, der die Kund-
gebung eröffnete, begrüßte Dr. Goebbels als begeisterten Heidelberger Studenten und Reichs-
ininister R u s I als großen Freund des deutschen Studententums. Zuvor sprach Dr. Goebbels
im Hause des Langemarckstudiums zur studentischen Führerschaft des Reiches. Unser Bild zefgt
den Minister während dieser Ansprache, rechts der Reichsstudenteniührer. Aufn.: Engel

«»"IUI.....iiriiiiiiiiiiiiMiiiitiiiiiiiiiiiiiniitliiiriiiiiiiiiiiiiiiiiii.........iiumiiiitiifinil.....iiiiiitiiiiiiiiii.......111111 ri 11111111 n 11:11, j 11111111111111 ■ i < 111111111 >

Was der deutsche Student dazu sagt:
IN .... Tl___i**......1^1..

iilWUivivlIhMliiV

Wie Fremde gingen wir durch die vertraute
Stadt. Uns umfing plötzlich mit lebendigen
Armen ein altgewohntes Bild, das uns da dran-
gen als Wunschtraum durch die kalten Nächte
in Bunkern und Erdlöchern begleitet hatte. Wir
schlenderten langsam, genießend die Linden
entlang, die Friedrichstraße, und uns war, als
wäre die lange Zeit zwischen unserem letzten
Hiersein und dem Heute nur ein Spuk gewesen.
War nicht alles noch so, wie wir es verlassen?
Oder merkten wir den Wandel, der auch diese
Stadt ergriffen hatte, ,nuT noch nicht?

Nach einer kleinen Wiederseheasfeier im
Kameradenkreise strebten wir in später Nacht-
stunde den heimatlichen Penaten zu. Da begeg-
nete uns am Gendarmenmarkt eine heitig dis-
kutierende Gruppe vermummter Gestalten, die
sich in- iangsamer Prozession um die franzö-
sische Kirche bewegten. „Die haben Sor-
gen . . .!" dachten wir und schüttelten die
Köpfe. Wir versuchten etwas von ihrem lauten

n1> " - ist? Um

Durcheinander zu erhaschen, vernahmei-', c, 'er
nur hier und da einen Namen, wie „Gold" oder
„Franck", auch „Marianne Hoppe". In fröhli-
cher Laune fragten, wir, ob es denn hier etwas
ohne Marken gäbe. Augenblicks verstummte
der Streit Man sah uns erschrocken und recht
mißtrauisch an. „Theaterkarten . , ."? unser
Unverständnis wurde nur noch größer. Da
hatten denn wohl einige aus der Menge an
unseren abgerissenen Uniformen erkannt, wo-
her wir kamen. Sogleich wurde die Stimmung
freundliche!, und bereitwillig begann man von
der sensationellen Faust-Inszenierung, dem
,.Bruderzwist" und der Premiere von Goethes
„Iphigenie" zu berichten.

Was ist dies für ein eigenartiges — einzig-
artiges Volk! Tagsüber schaffen sie an den
Werkbänken und in den Büros. In der Nacht
opfern sie die kostbaren Stunden der Ruhe
für ein paar Theaterkarten. Unsere Gespräche
waren verstummt. Und stiller, als es sonst un-
ter Urlaubern üblich sein mag, kehrten wir

Der Weg zum Verstehen

Von Geheimrat Prof. Lenard, Heidelberg

Wird nach der Art gefragt, wie die Vorstel-
lungen, Begriffe und Gesetze gefunden werden,
die das Verstehen der Naturvorgänge ermög-
lichen, so kann nur die Geschichte der Natur-
forschung die treffende Antwort geben; sie
lautet: Der Weg zum Verstehen war stets Pro-
bieren, nämlich probeweises Erdenken von
Vorstellungen, Begriffen, Gesetzen und Ab-,
änderung dieser Geistesgebilde unter fort-
gesetzter Vergleichung mit der Erfahrung so
lange, bis die Übereinstimmung befriedigen
kann. Vorausgehen muß immer die Sammlung
von .Erfahrung über die noch unverstandenen
Vorgänge; erst dann können mit Erfolg probe-
weise Vorstellungen und vermutete Gesetze
den Geist des Forschers beschäftigen; fort-
gesetzte Vergleichungen mit der Wirklichkeit
müssen ihn aber um so öfter noch zurecht-
weisen, je neuer der Gegenstand ist.

Sehr bemerkenswert ist es, daß in nicht
wenigen, dabei wichtigen Fällen der Weg zum
Verstehen mittels schon älterer, an sich un-
scheinbarer angesammelter Erfahrung gefunden
werden konnte Es waren dann in solchen
Fällen zunächst nur mehr „Gedanken-
versuche" ohne Anwendung der Sinnesorgane
erforderlich, um zu treffenden Begriffen und
Gesetzen zu gelangen, die dann freilich immer
noch weiterer Erfahrungskontrolle bedurften.

Das oft verständnislos gebrauchte Wort, vom
„genialen Einfall" verwischt die geschilderte
tatsächliche Entslehungsweise der Natur-
erkenntnis; es übersieht die Mühen des kun-
digen Beobachters sowohl als die des gewis-'
senhaiten Denkers. Der letzte, treffende Ein-
fall nach Uberwindung aller dieser Mühen ist
meist etwas sehr Einfaches; er ist das Ergeb-

nis dieser vorausgegangenen Mühen, die dem
Unkundigen verborgen bleiben.

Wer also forschend Gott in der Natur näher-
kommen will, der hat wohl, neben angebore-
nem folgerichtigem Denken und ererbtem Ent-
zücken an der Versenkung in beobachtbare
Wirklichkeiten mit dem unbändigen Drang
nach Verstehen derselben, unermüdlichen
Fleiß nötig, auch draufgängerischen Unter-
nehmungsgeist, dazu die Einbildungskraft von
zehn Dichtern, noch viel mehr aber grenzen-
lose Bescheidenheit dem großen Unbekannten
gegenüber, dem allein er selbstlos mit Treue
ergeben dienen will.

Das Fortschreiten auf dem Wege über noch
zu prüfende Vermutungen zu bewährter Er-
kenntnis' war in den'letzten Zeiten gediegen-
ster Naturforschung oft langsam und stockend
— wenn genügend überzeugende Prüfungsmog- .
liebkeiten fehlten —; es blieben dann die Ver-
mutungen unter dem Namen „Hypothesen" mit
Zweifeln behaftet stehen. Auch heute kann das
an Stellen, die dem Verstehen besondere
Schwierigkeiten bieten, nicht anders sein. Erst
wenn nach Hinzukommen genügend vermehr-
ter Erfahrung keine Zweifel an der Uberein-
stimmung mit der Wirklichkeit mehr ange-
bracht sind, wird das Ergebnis zu Recht „Theo-
rie" genannt.

Bloße Vermutungen, Einfälle ohne jedes Hin-
zubringen neuer Erfahrung haben um so weni-
ger Wert, je leichter sie hinzuwerfen sind. Der
Name „Theorie" wird oft mißbraucht.

Oft iindet man hervorgehoben, daß Natur-
erkenntnisse erst durch „exakten mathemati-
schen" Beweis ihren vollen Wert erhalten. Wer
so denkt, kennt Naturforschung nur von außen
und stellt gewöhnlich auch der Mathematik
fern. Er weiß nicht, daß die Ergebnisse mathe-
matischer Ableitungen keineswegs so richtig
sind wie die der Abteilung zur Verfügung ge-
stellten Naturerkenntnisse, von denen die

Rechnung ausgeht, oder die sie unterwegs in
Gestalt von Hinzufügungen aufnimmt. *t)ie
Mathematik wirkt in allen Anwendungen auf
Naturvorgange nur wie eine Mühle, die nicht
im mindesten mehr Wissen von der Natur her-
ausgibt, als man in sie hineinfüllt. Allerdings
karin sie vorhandenes, afls Naturbeochtung
gewonnenes Wissen manchmal in so verblüf-
fend veränderter Form zeigen, daß man wohl
sagen kann, sie weise Dinge auf, von denen
man noch gar nicht bemerkte, daß man sie be-
reits wußte. Grundsätzlich kann aber Mathe-
matik nichts anderes bieten als gewöhnliches
Denken auch, und wo letzteres genügt — was
sehr oft der Fall ist —, ist der „mathematische
Beweis" überflüssige Rechenübung.

Eben der — sozusagen — Treue und Sauber-
keit der Mühle Mathematik nichts Fremdes
hinzutun, auch bei der verwickelten Arbeits-
leistung nicht, bedingt ihren unschätzbaren
Wert. Sie sichert gut vor Irrtum imd Fehl-
schüssen,.wo man an die Grenzen der Bewäl-
tigung durch einfaches Denken kommt, oder
,g.ar wo wegen der Verwickeltheit der Um-
stände letzteres allein ganz versagen muß.

Untrüglich sind die „mathematischen Ablei-
tungen" schon deshalb nicht, weil es ganz dar-
auf ankommt, ob Willkür bei Anwendung der
Mathematik gesichterl ausgeschaltet geblieben
ist, was oft schwer zu sehen ist: es kommt —
auch bei Anwendung von Mathematik — auf
den Charakter des Arbeitenden an. Man kann
mit Mathematik sogar viel besser täuschen als
mit gewöhnlichen Worten. Die noch verbreitete
hohe Meinung von der Untrüglichkeit der Ma-
thematik stammt aus der Zeit, da nur Männer
von höchstentwickeltem Wahrheitsgefühl, wie
es Ariern eigen ist, mit Mathematik und, Natur-
wissenschaft hervortreten«! sich beschäftigt ha-
ben. V

Die der Beobachtung der Naturvorgänge ent-
nommenen, ihnen angepaßten und an ihnen

fortdauernd nachgeprüften Begriffe und Gesetze
— die Hauptergebnisse der Naturforschung; —
sind Erkenntnisse von Wirklichkeiten, von
Dingen und Beschaffenheiten, die unabhängig
von von uns und unserem Denken bestehen
und die außer uns längst vorgegeben waren. 1
Die Ergebnisse haben Wahrheitswert. Wahr ist,
vas in unserem- Geist übereinstimmt mit jener
von den Willkürlichkeiten unseres Geistes un-
anhängigen Wirklichkeit. Wahr ist nicht, was
hier oder da sich „bewährt", sondern was im-
mer sich bewähren muß, weil es der allzusam-
menhängenden Wirklichkeit entnommen ist.

Die Erkenntnis des Allzusammenhanges in
der Natur Ist eine der hervorragendsten Eigen-1
schaffen der Naturforschung. Es hat sich bei
allem Fortschreiten der Naturwissenschaft',
immer nur deutlicher und umfassender gezeigt,
daß alle Vorgänge in der beobachtbaren Welt
mit allen anderen Vorgängen in derselben ver-
knüpft sind; jedes der gefundenen Naturge-
setze hängt ersichtlich immer mit mehreren an-
deren zusammen derart, daß sie alle einander
stützen und keines ohne die anderen richtig
sein könnte.

Man kann danach wohl sagen, daß das Ver-
ständlichmachen noch unverstandener Dinge
auch darin besteht. ' ihren ohne Zweifel vor-
handenen Zusammenhang mit schon Bekann-
tem und dadurch mit allem in der Natur auf-
zudecken und im einzelnen ersichtlich zu
machen. Eben die Sehnsucht des nordischen
Menschen nach Erforschung geahnter Allzusam-
menhänge war der Ursprung der Naturior-
schung. Die Ahnung war richtig, aber ihre Ei-
füllung auf oft unerwartet mühsamen Wenen
zeigte meist die Wirklichkeit ganz anders be-
schaffen, als es zuerst gedacht war. Die Wunder
öBr Wirklichkeit waren nicht in unserem eige-
nen Geist zu finden,- die mußten erst in der
Außenwelt entdeckt werden.

/
loading ...