Biller, Thomas ; Burger, Daniel [Mitarb.]
Die Wülzburg: Architekturgeschichte einer Renaissancefestung — München [u.a.], 1996

Seite: IX
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IX

Einleitung

Objekt dieses Buches ist ein Bauwerk, dessen hohe Be-
deutung in einem auffälligen Mißverhältnis zu seiner
geringen Bekanntheit steht. Nur ausgesprochene Spezia-
listen wissen, daß die Wolzburg neben Jülich und Span-
dau zu den wichtigsten frühen Festungen Deutschlands
zählt. Wirklich erforscht war sie bisher dennoch nicht.
Und so weiß auch der interessierte Laie in der Regel
kaum zu sagen, wo die Wülzburg liegt, geschweige denn,
worin ihre Bedeutung bestehen könnte.

Aus den Fakten begründbar ist diese Unbekanntheit
kaum. Macht man das Bauwerk selbst und seinen Erhal-
tungszustand zum Maßstab, so würde der Wülzburg wohl
der erste Platz unter den Renaissancefestungen Deutsch-
lands gebühren, denn im Gegensatz zu ihren Konkurren-
ten ist hier die Substanz der Zeit um 1600 weitgehend
erhalten geblieben, auch was die Bebauung im Inneren
betrifft. Die Einstufung als »national bedeutendes Bau-
denkmal«, Voraussetzung für alle Zuwendungen der
Bundesrepublik Deutschland zu ihrer Restaurierung, war
vor wenigen Jahren ein Ausdruck dieses hohen Ranges.

Die Unbekanntheil der Wülzburg ist also gewiß nicht
im Bauwerk selbst begründet, sondern vielmehr im histo-
rischen und geographischen Umfeld. Jülich und Spandau
liegen in Regionen, die spätestens im 19. und 20. Jahrhun-
dert zu Zentren der Wirtschaft und entsprechenden
Bevölkerungskonzentrationen heranwuchsen, Spandau
gar direkt bei der preußischen, dann deutschen Haupt-
stadt. Für Mittelfranken gilt Vergleichbares, abgesehen
von Nürnberg, nun einmal nicht. Die Region hat zwar
große landschaftliche Reize bewahren können und auch
Baudenkmäler von hohem Wert, aber sie ist doch, selbst
unter touristischen Aspekten, ein wenig abgelegen.

Im Falle der Wülzburg kommt hinzu, daß sie trotz ihrer
Größe und exponierten Lage wenig ins Auge fällt und
daß sie ihre besonders komplexe Baugeschichte hinter
einer massiven und abweisenden Außenansicht verbirgt -
ähnlich wie bei den vielen neuzeitlichen Festungen, aber
ganz anders als die hoch aufragenden und klar geglieder-
ten Baumassen mittelalterlicher Burgen. Bedenkt man
schließlich und zuletzt, daß die Wülzburg stets Nutzungen
beherbergt hat, die es dem Besucher schwer machten, sie
näher zu erforschen, dann ist der lange Dornröschen-
schlaf ein wenig zu verstehen.

Die heutige Situation der Wülzburg ist problemati-
scher, als die Ruhe des Ortes ahnen läßt. Sie stellt ein rie-
senhaftes Bauvolumen dar, das leider nur zu einem Teil
genutzt werden kann. »Normale« Bedingungen für das
Wohnen oder Arbeiten bieten im wesentlichen nur die im
Festungshof stehenden Bauten, das Schloß und die Gast-
stätte, während die ungeheuren Mauermassen und die
kaum belichteten Räume der Bastionen und Kurtinen
zwar umfangreiche Unterhaltungsmaßnahmen verlangen,
sich aber einer rentablen Nutzung fast völlig entziehen.
Die Stadt Weißenburg, als Eigentümer seit über hundert

Jahren, ist mit den Kosten, die sich aus dieser Situation
ergeben, von Anfang an überfordert gewesen, und die
Institutionen, die im Schloß untergebracht wurden, waren
lange nur Verlegenheitslösungen. Erst als 1968 eine ange-
messene und dauerhafte Nutzung für den Schloßbau
gefunden war, der in der Folgezeit durch den Architekten
Rainer Joppien modernisiert und instandgesetzt wurde,
fanden sich auch geringe Mittel, um wenigstens die
schlimmsten Schäden an den eigentlichen Festungsbau-
ten einzudämmen. Daß die Bastionen und Kurtinen zu
diesem Zeitpunkt schon ein Jahrhundert ohne jede Bau-
maßnahme hatten durchstehen müssen, hat bis heute
deutliche Folgen, denn gerade an den Kurtinen mußte,
seit 1990 die Mittel etwas reichlicher flössen, vieles fast
neu gebaut werden - wobei diese Mittel von der Stadt,
dem Freistaat Bayern und der Bundesrepublik nach wie
vor nicht ausreichen, um mit dem Tempo des Verfalls
Schritt zu halten, ganz abgesehen davon, daß sie keines-
wegs auf Dauer gesichert sind. Angesichts dieser noch
immer nicht erfreulichen Situation ist es auch ein Ziel
dieses Buches, den Rang der Wülzburg als Baudenkmal
deutlicher und bekannter zu machen.

Die Beschreibung und Analyse der Wülzburg war die mit
Abstand komplizierteste Baumonographie, an der ich je
gearbeitet habe. Dies liegt keineswegs nur an der reinen
Größe des Baues und auch nur zum Teil an den Umpla-
nungen und Umbauten, die den Sinn mancher Bauteile
verunklärt haben. Es liegt vielmehr auch daran, daß
bastionäre Festungen eine höchst spezialisierte Architek-
turform sind, daß sie im Grunde keine Sonderform eines
»Hauses« darstellen, sondern vielmehr eine Art steinerne
»Maschine« - ihre komplexe Form daher nur verstanden
werden kann, wenn man sich ständig und bis ins Detail
die Organisation ihrer Funktionen vor Augen hält. Schon
dies fordert eine gewisse Einarbeitung und ein erheb-
liches Maß an Konzentration - nicht nur vom Autor die-
ses Buches, sondern fraglos auch vom Leser.

Hinzu kommt, daß die Wülzburg keineswegs ein klas-
sisch ausgereiftes Beispiel ihrer Art ist, sondern ein ex-
perimenteller Bau, bei dem vieles »ausprobiert« wurde -
Originelles im besten Sinne wie auch manches, das eher
mißglückt war und bald wieder geändert werden mußte.
Obwohl es zu meinen Zielen gehörte, diese besondere
Komplexität so einfach und anschaulich wie möglich zu
beschreiben, ist mir klar, daß die Lektüre dieses Buches
nicht wirklich »leicht« sein kann. Obwohl es bei Büchern
über Architektur in aller Regel am sinnvollsten ist, mit
der Beschreibung des Bauwerks zu beginnen, möchte ich
hier fast empfehlen, zuerst die Baugeschichte der Wülz-
burg zu lesen (Kap. 3. und 4.). Erst aus dieser Bauge-
schichte heraus, und noch mehr aus der allgemeinen Ent-
wicklung des Festungsbaues in der Renaissance (Kap.l.)
wird nämlich begreiflich, daß die Kompliziertheiten der
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