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Blum, Gerd  
Hans von Marées: autobiographische Malerei zwischen Mythos und Moderne — München , Berlin, 2005

Seite: 186
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V. Die Verallgemeinerung persönlicher Themen (1880 —1887)

V.2. Der Anspruch auf allgemeine Verständlichkeit
und Bedeutsamkeit

Marees adressiert die >Hesperidenbilder< seiner >klassischen< Periode — die Le-
bensalter und die auf sie zeitlich folgenden Kompositionen — nicht mehr als private
Bekenntnisbilder an den Kreis seiner engsten Freunde. Indem er sich mit ihnen an
die Öffentlichkeit zu wenden beabsichtigt, gewinnt das schon für die Fresken in
Neapel nachweisbare Anliegen neuerlich an Bedeutung, von autobiographischen
zu allgemein verständlichen Darstellungen von »allgemeiner Berechtigung und Be-
deutung« zu gelangen. Dieser Anspruch tut sich auch in der Monumentalität dieser
großformatigen, aufwändig gerahmten Gemälde und triptykalen Bilderensembles
kund. Er bestärkt ihn in dem Wunsch, noch einmal eine Wandmalerei ausführen
zu können.1'

Marees beschäftigte sich spätestens seit 1870 mit dem Problem einer intersub-
jektiv verständlichen Darstellung (vgl. II.2.). Waren die analysierten frühen Ge-
mälde durch die historische Einkleidung autobiographischer Themen und ihre
änigmatische, anspielungsreiche Bildsprache höchstens einem kleinen Kreis ver-
ständlich, so hatte er seinem Anspruch auf eine unmittelbar auffassbare Bildlich-
keit in den Fresken in Neapel, die »Allgemeingut«18 sein sollten, erstmals monu-
mentalen Ausdruck verliehen. Dieser Anspruch besitzt auch für die >Hesperiden-
bilder< einen zentralen Stellenwert. So schreibt Marees im Jahr 1875, als er die auf
explizit autobiobiographische Zeichnungen zurückgehenden Lebensalter konzi-
piert, an seinen Bruder Georg: »Gelingt es mir endlich, was in mir lebt und webt zu
allgemein verständlichem Ausdruck zu bringen, so habe ich meine Aufgabe
gelöst und kann über das Urteil der Nachwelt unbesorgt sein«ly. In einem Schrei-
ben an Fiedler, das zu einer Folge programmatischer Briefe von Anfang 1882
gehört, in denen Marees sein künstlerisches Credo formuliert, heißt es:

»Einen geborenen Künstler würde ich denjenigen nennen, dem die Natur
von vorneherein ein Ideal in die Seele gesenkt hat [...], an das er unbedingt
glaubt und welches zur Anschauung der anderen sich selbst zum
reinsten Bewußtsein zu bringen, seine Lebensaufgabe wird.«

Inhalt eines Ereignisses, mit dem, was für alle und immer verständlich bleibt.« (zit. n. Bey-
rodt/Buscfa 1982, S. 212.) Vgl. zum Problem der Verständlichkeit die Mitte der siebziger Jahre
publizierten Aufsätze Ueber den Wert der Gegenstände in der bildenden Kunst und lieber Pub-
likum und die Quellen der Popularität von Marees' Freund Heinrich Ludwig (1907, S. 1 lOff.).

17 »Ich kann keinen anderen Weg erkennen, um der Malerei eine Existenzberechtigung zu erlan-
gen, als daß wieder einmal ein nach vielen Seiten hin befriedigendes und infolge dessen ein
nahezu allgemeine Theilnahme erregendes Werk geschaffen werde. Leichter und natürlicher
freilich würde sich diese Aufgabe gestalten, wenn es sich um die Ausschmückung eines
bestimmten Raumes handelte« (an Fiedler, 11. Dezember 1879, Meier-Graefe 1909-1910,
Bd. III, S. 197).

18 An Fiedler, Neapel, 3. Juli 1873; Meier-Graefe 1909-1910, Bd. III, S. 72. Vgl. in der vorlie-
genden Arbeit II.2.3.

19 Brief vom 30. November 1875, Meier-Graefe 1909-1910, Bd. III, S. 130 [Hervorhebungen G.B.].

20 An Fiedler, 29. Januar 1882; Meier-Graefe 1909-1910, Bd. III, S. 232f. [Der zweite Satz ist

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