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Blum, Gerd  
Hans von Marées: autobiographische Malerei zwischen Mythos und Moderne — München , Berlin, 2005

Seite: 305
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VII.3. Differenzen zwischen Absichten und Werken

Marees teilte die verbreitete Sehnsucht des Bildungsbürgertums seiner Zeit, in
Kunst und Kultur jene Ganzheit und Unmittelbarkeit zu erleben, deren Verlust
auch er als Modernitätsdefizit beklagte. Dennoch veranschaulichen seine Werke
verborgene Brüche und Antithesen: Persönliche und solche innerhalb prägender
Mentalitäten der Eliten im neu gegründeten Deutschen Reich, denen der Maler
und Offizier der Reserve sowohl durch die schöngeistige als auch die borussisch-
militärische Prägung seines Elternhauses von Jugend an verbunden war.

Dem zweiten deutschen Kaiserreich gingen Einheit, Ganzheit und Geschlossen-
heit »über alles«. Und doch war es, und zwar uneingestanden, im höchsten Maße
ambivalent und widersprüchlich. Die mentalen Brüche der Gründerzeit sind in
der bildenden Kunst selten psychologisch so tiefgründig ausgelotet worden wie bei
Marees. In seinen bildlichen Selbststilisierungen, etwa in der erörterten Figuration
des >Stabträgers<, durchdringen sich bildungsbürgerlich-klassizistische, christlich-
zölibatäre und preußisch-militaristische Motive zu ungewollt ambivalenten Selbst-
entwürfen (Abb. 1, 73, 74). Diese können geradezu paradigmatisch einstehen für
die >hybride< kulturelle Identität weiter Teile des gründerzeitlichen Bürgertums.9'
Hans von Marees, ein »Ritter Hans«98 von jüdischer Abstammung, mit französi-
schem Nachnamen und italienischem Wohnsitz, ist geradezu ein Musterbeispiel für
die vielfältigen kulturellen Ursprünge und für die vielschichtige Identität eines
Künstlers der europäischen Moderne. In seiner Abkehr von wie auch in seiner
Ausgeliefertheit an die Modernität ist Marees - wider Willen — modern. Die Wider-
sprüche seiner eigenen Identität blendete Marees aus seinem Selbstbild jedoch aus.
Der Kontrast der eklektischen Vielschichtigkeit von Werken wie Römische Land-
schaft I (Abb. 1) und Ganymed (Abb. 113) zur markig-schlichten Selbsteinschät-
zung als »Kerl von echtem Schrot und Korn«99 ist nicht nur für Marees, sondern
auch für die Gründerzeit bezeichnend.

17/.3.1. Stereotyp und Subversion

Die Zeichnungen und Gemälde von Marees bilden nicht nur verbreitete Menta-
litätsmuster des frühen Kaiserreiches ab, sie weichen auch in vielerlei Hinsicht
signifikant von ihnen ab. Darin, dass die Bilder keine transparenten Illustrationen
seiner durch diese Stereotype maßgeblich geprägten Weltanschauung sind, liegt
ihre doppelte Bedeutsamkeit als Kunstwerke und als historische Dokumente be-
sonderer Dichte.

Zum Begriff der >Hybridität< in der neueren kulturwissenschaftlichen Diskussion siehe Ash-
croft et al. 2002.

98 Als »Ritter Hans« unterschrieb Marees Briefe an Melanie Tauher, siehe Meier-Graefe 1909-
1910, Bd. III. S. 157.

99 An Fiedler, 29. Januar 1882: Meier-Graefe 1909-1910, Bd. III, S. 234.

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