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Bohn, Richard  
Die Propylaeen der Akropolis zu Athen — Berlin u.a., 1882

Seite: 15
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BAUBESCHREIBUNG.

A. ALTERE BAUTEN.

Die Senkung des westlichen Burgabhanges ist keine gleichmässige,
sie wird durch einzelne etwas schroffere Absätze unterbrochen;
so weit der Fels sichtbar ist, erscheint diese Bildung als ein
Werk der Natur und nicht durch Menschenhände geschaffen.
Wie aber der südliche Teil des Plateaus durchweg höher ist als der nörd-
liche, so auch am Westhang; wir erkennen deshalb eine zweite Neigung
von Süd nach Nord. Es wäre nicht ganz entsprechend, diese beiden
Senkungen zusammen in eine nordwestliche zu fassen, vielmehr sprechen
sich beide Richtungen selbständig aus.

Diese Gestaltung des Bodens ergab die erste Befestigung des einzigen
durch die Natur gegebenen Aufgangs, die wir unter dem Namen Pelasgicon
zusammenfassen. Wie verschiedenartig dieser Name gedeutet worden ist,
habe ich bereits oben erwähnt, ebenso auch, dass ich mich den dort citierten
Ausführungen von C. Wachsmuth über die Bedeutung, Lage und Aus-
dehnung desselben anschliesse. So lange die Schuttmassen so vieler Jahr-
hunderte, die sich im Westen und Nordwesten der Burg abgelagert, nicht
entfernt sein werden, so lange wird sich eine Gewissheit über die Aus-
dehnung nicht gewinnen lassen; geschieht dieses jedoch einmal — und der
Plan dazu ist ja in letzter Zeit wieder aufgenommen worden — dann lässt
sich allerdings, so weit ich die Verhältnisse habe prüfen können, eine Klärung
der Grundrissdisposition mit Sicherheit erwarten! So bleiben wir vorläufig
auf das beschränkt, was innerhalb der jetzigen Mauern liegt, und was, wie
wir sehen werden, jene Annahme eines in mehrfachen Windungen durch
eine Reihe von Toren emporsteigenden Weges durchaus unterstützt.

Es sind zum Teil schon bekannt, zum Teil durch die letzten Aus-
grabungen ' einige Mauerzüge ergänzt resp. neu aufgedeckt worden, welche
ihrem Charakter nach jener älteren Befestigung angehören. Schon Beule2
berichtet über eine Mauer, welche mit geringer Abweichung von der Pro-
pyläenaxe am Abhang ungefähr von West nach Ost läuft; ich habe die-
selbe noch weiter verfolgt [siehe Profil des Aufgangs Ost-West, Taf. XIX].
Sie ist in der Neigung des nach Nord hin abfallenden Felsens errichtet,
hat nur eine und zwar demgemäss nach Nord schauende Front mit un-
regelmässigem Füllwerk dahinter, bildet also eine gewaltige Stützmauer für
eine südliche nach West vorspringende Terrasse. Sie liess sich bis unmittel-
bar an das Untertor verfolgen; in den Fundamenten des letzteren erschienen
ausserhalb einige Steine, welche auf eine weitere Verlängerung hindeuten
können [siehe die Ansicht des Untertores, Taf. XX]; der Raum westwärts
davor enthielt nichts mehr, und ein tiefes vor der äussersten Türkenmauer
bis auf den Fels hinabgegrabenes Loch liess eine axiale Verlängerung
der Mauer nicht auffinden; unter den mächtigen türkischen Gründungen
ist dort alles verloren gegangen; vielleicht auch bog die Mauer südwärts
ab. Östlich setzte sich dieselbe bis unmittelbar unter den steileren Ab-
sturz fort [siehe das Profil Ost-West, Taf. XK]. Am Hange selbst findet

■ l Siehe meinen Bericht über die Ausgrabungen auf der Akropolis im Frühjahr i88
Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts. Athen. 1880. Heft III u. IV.
2 L'acropole dAthenes Cap. IV.

sich eine kleine Felsbearbeitung, welche anzeigt, dass die Mauer zur Höhe
anstieg; dann jedoch wandte sich dieselbe vermutlich nordwärts, mehrere
noch vorhandene Steine dürften hierzu gehören, und folgte dem natür-
lichen Terrain entsprechend den steileren Klippenbildungen, ungefähr wie
jetzt die Substruktionen der Pinakothek, bis zu dem jähen Absturz an
der Nordwestecke der Burg.

Die jetzige grösste Höhe der Mauer beträgt nur noch circa 3,0 m,
ihre oberen Partieen sind in späterer Zeit bei den Umbauten abgebrochen
worden; sie ruht direkt auf dem gewachsenen Felsen und besteht aus
Blöcken von dem Kalkstein der Burg selbst; diese sind verhältnissmässig
klein, polygonal, aber gut gefügt, die Vorderfläche geglättet; das grösste
Format beträgt bei 0,75 Länge 0,70 Höhe.

Ein zweiter Mauerrest ist unter dem Nikepyrgos versteckt; die
Ausgrabungen brachten denselben zunächst zwischen Südflügel und Nike-
tempel zu tage, ähnlich konstruiert wie der vorige und aus gleichem
Material; allerdings konnte er nur auf eine kurze Strecke und bis zu.
geringer Tiefe freigelegt werden mit Rücksicht auf die daneben und
darüber befindlichen späteren Bauten [siehe Situationsplan Taf. II und
Detail des Nikepyrgos, Taf. XX]. Die Front schaut nach Nord-Ost. Die
oberste Schicht ist horizontal abgeglichen, was auf die obere Endigung
der Mauer hier hinzudeuten scheint; bemerkenswert ist ein Stein, dessen
Oberfläche stark abgerieben ist, als ob längere Zeit der Verkehr über
ihn hingegangen wäre, was beim Bau der Propyläen ja nicht unmöglich
gewesen sein mag. Die westliche Verlängerung der Mauer trifft aber
die Nordwand des Nikepyrgos gerade an einer Stelle, wo sich ein bisher
nicht beachtetes Loch in derselben befindet; als dieses gereinigt wurde,
fand sich die Vermutung bestätigt, dass hier jene alte Mauer wieder
zum Vorschein kommen würde, genau fluchtrecht mit dem vorerwähnten
Teil [siehe Ansicht des Pyrgos Taf. X], Diese antike Öffnung in der
Mauer, welche es überhaupt möglich macht, dass jene älteren Reste hier
zu Tage treten, hat seinen Grund in einer hier anschliessenden, quer über
den Aufgang laufenden Mauer, wie wir später sehen werden. Die alte
Mauer setzte sich ursprünglich weiter fort, musste aber beim Bau des
Nikepyrgos zur Herstellung einer Flucht koupiert werden1! Sie wird sich
bis zur Flucht der jetzigen Westwand des Pyrgos ausgedehnt und dann
einen Winkel in südlicher Richtung formiert haben.

Die Vermutung über diese Ausdehnung stützt sich namentlich auf
die Wegspuren, welche sich unterhalb des Pyrgos befinden; dass diese
aus einer vorperikleischen Zeit stammen, ist sicher, denn sie liegen tiefer
als das Niveau des mnesikleischen Aufganges; diese tiefen Aushöhlungen
können nur das Resultat eines durch viele Jahrhunderte darüber hinge-
gangenen Verkehrs sein, und zwar durch die Lasttiere, welche stets
wieder in dieselbe Öffnung treten, wie wir noch heut solche Marken
zahlreich in Griechenland finden. Der Abstand von der jetzigen Pyrgos-
wand beträgt 2—3 m. Sobald die Spuren jedoch jene ursprüngliche
Ecke des älteren Pyrgos erreicht haben, setzen sie sich nicht, wie früher
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