Burckhardt, Jacob  
Die Cultur der Renaissance in Italien: ein Versuch — Basel, 1860

Seite: 131
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Zweiter Abschnitt.

Entwicklimg des Indimduums.

-«As-


Zu der Beschaffenheit dieser Staaten, Republiken wie Ty- ^bschtlitt.
rannien liegt nun zwar nicht der einzige aber der mächtigste
Grund der frühzeitigen Ausbildung des Jtalieners zum
modernen Menschen. Daß er der Erstgeborne unter den
Sohnen des jetzigen Europas werden mußte, hängt an
diesem Punkte.

Jm Mittelalter lagen die beiden Seiten des Bewußt- Gegensah zum

Mittelalter.

seins — nach der Welt hin und nach dem Jnnern des
Menschen selbft — wie unter einem gemeinsamen Schleier
träumend oder halbwach. Der Schleier war gewoben aus
Glauben, Kindesbefangenheit und Wahn; durch ihn hin-
durchgesehen erschienen Welt und Geschichte wundersam ge-
färbt, der Mensch aber erkannte sich nur als Race, Volk,
Partei, Corporation, Familie oder sonst in irgend einer
Form des Allgemeinen. Jn Ztalien zuerst verweht dieser
Schleier in die Lüfte; es erwacht eine objective Betrach-
tung und Behandlung des Staates und der sämmtlichen
Dinge dieser Welt überhaupt; daneben aber erhebt sich mit
voller Macht das Subjective; der Mensch wird geistiges
Jndividuüm Z und erkennt sich als solches. So hatte
einst erhoben der Grieche gegenüber den Barbaren, der






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Man bcachte die Ausdrücke uomo swAoIare ) uomo unleo für die
höherc und höchfte Stufe der individuellen Ausbildung.

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