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Deutscher Wille: des Kunstwarts — 29,3.1916

Seite: 7
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Deutsche und Slawen, Kleinstadt und Großstadt, Dorf-- und Herrensitz, Adel
und Niedere. Nur dem bürgerlichen Mittelstand blieb sie sremder. Sonst —
jedem ihrer Leser sind Gestalten aller sozialen und landschastlichen
Zonen aus ihren Werken im Gedächtnis. Grafen und Barone, hart-
herzige und weichmütige, gutmütige Polterer und überlegene Lebensspieler,
Komtessen, die nur Pferde, tzunde und Sportsmen lieben und andre, die
in die Tiefen streben, alte Gräfinnen, die unmenschlich große Zigarren
rauchen und ihre Güter hart oder milde verwalten, alle stehen klar und
kräftig noch heute vor uns. Nie vergessen wir ganz jener dienenden und
gedrückten Gestalten, nie jener Armseligen, Pavels und Miladas, des
Gemeinde- und des Klosterkindes, nie jenes Revierförsters Hopp und seines
Krambambuli, nie der erbarmungswürdigen Spitzin, nie der weichmütig--
herben Bozena, nie Lottis der Uhrmacherin, der vier absonderlichen Gemper--
leins, nie jenes großgearteten Volkssührers Iakob Szela, nie der „Groska"
Ilona, die nach zwölf harten Iahren ei nmal ihrem Sohn ins Auge schauen
darf und von einem Trunk Liebe ein Leben zu zehren sich kräftig fühlt.

Zehn Minuten an die Hauptgestalten aus Marie von Ebners Dichtung
denken, das heißt eine Welt beschwören. Immer neue Dutzende drängen
sich in den Vordergrund, dahinter aber dehnt sich mährische Ebene, rauschen
uralte Linden, schweigen Schloßalleen, erzählen Parke von Geschlechtern,
wirbelt Großstadtgetümmel slüchtig auf, erhebt sich das Wiener Dächer-
meer, durch reiche Landschaften sährt die Postkutsche und der Schnellzug,
auf Dorfstegen humpeln alte Mütterlein und in ungarischen Ebenen und
Wäldern rast der Sturm und die Iagdgesellschaft der Großen.

Diese Welt trägt keine Iahreszahl. Sie hat auch nicht die vom Zeiten--
strom rasch verwischbaren Zierate der Preziösen oder die süßen Farben
der Allesverniedlicher, Allesvergolder. Sie atmet vor sich hin in Lust
und Leid, wie sie aus Liebe und höchster Mitlebenskraft in sie geslossen sind.
Das Allerweichste in Marie von Ebner-Eschenbach überwand nach dem
Worte des Weisen das Allerhärteste. Ein zartestes Fühlen und eine seinste
Anschmiegsamkeit an das harte, unerbittliche Leben überwanden es so,
daß eine demütige Erzählkunst es restlos wiederschasfen konnte. snI

Ezard Nidden

Einiges von Franz Schubert

Zur Pflege der älteren Musik 4

^^st Franz Schubert eigentlich hinreichend bekannt, genügend „gewürdigt",
^^steht er am rechten Platz in unserer Musikpslege? Solcherlei Fragen,
^^mögen sie nunSchubert oder irgendeinen andern Großen betresfen, hat
sich der Musikschriftsteller, der „Musikpolitiker" immerfort vorzulegen. Ieder
macht verschiedene Ersahrungen. In einer Stadt, in einem Kreise ist
vielleicht der eine Meister, im benachbarten der andere bevorzugt, und
wer aus einem bestimmten musikalischen Umweltkreis stammt, vermag sich
vielleicht gar nicht vorzustellen, daß ein Tonkünstler, der dort herrschte,
in weiteren Kreisen wenig geschätzt wird. Aber nicht nur die Lrfahrungen
sind verschieden, auch die Forderungen. Dem einen genügt es, wenn er
in der Hausmusikbücherei seiner Bekannten die „Müllerlieder", die „Win-
terreise" und im Programm seiner heimischen Symphonieveranstaltungen
die H-Moll-Symphonie sindet; andere beklagen die Vernachlässigung herr-
licher Schätze, die sie gern neben dies „Allzubekannte" und vielleicht darüber

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