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Deutscher Wille: des Kunstwarts — 29,3.1916

Seite: 11
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DLe BeschäfLigung der Verwundeten

erstenmal im Leben arbeiten sie ohne das strenge Muß. Memand
^^verlangt die Arbeit, niemand treibt sie an. Sie greifen halb wider--
^Iwillig, halb überredet, halb aus Neugier dazu unter dem Druck der
Langeweile. Mitten in der Arbeit merken sie, datz die Sache Spaß macht,
daß die Zeit iblitzschnell vergangen ist. Sie, für die Arbeit gleichbedeutend
mit Verdienft war, erfahren, daß Arbeit an fich eine Freude, eine Tröstung
ist. Zum erstenmal erfahren sie auch das Vergnügen, andern zur Freude
zu arbeiten, nachzudenken, was Freude macht, was ein Empfänger liebt,
was er gebrauchen kann. Rnd wieder zum erftenmal lernen sie manchen
kleinen Gebrauchsgegenstand und allerlei Hausrat kennen, den sie entweder
nicht besitzen konnten, oder den die Frau kaufen mußte. Ihn nun selbst
zu machen, so gut wie möglich, so hübfch wie möglich, nach vernünftigen
Grundsätzen, mit Kennenlernen der Rohstoffe und Handgriffe, darin liegt
der Wert und die Zukunft der ganzen Sache. Die Volkskunst ift tot bei
uns, liegt wenigstens in den letzten Zügen. Ihre Anfänge lagen immer
in der Herstellung des Hausrats und der Kleidung für den eigenen Be--
darf. Eine Möglichkeit, sie neu zu beleben, ift in dieser Arbeit sür das
eigene Heim, für die Familie gegeben. Alle Anstrengungen wenigftens,
die dor dem Krieg in der Beziehung gemacht worden sind, hier die Haus-
weberei, da die Strickkunft, die Spitzenklöppelei und Holzschnitzerei neu
zu beleben, müßten nicht auf sruchtbaren Boden fallen, nachdem jetzt in
den Lazaretten eine gewisse Vorarbeit getan ist, die Verftändnis und Lust
an der Hände Arbeit geweckt hat. Und diese Freude und Lust am Schasfen
für das eigene Heim wird jeden mehr daran fesseln. Stolz und Liebe
dafür werden den Mann ergreifen, ihn in der Familie festhalten und
vom Wirtshaus entsernen. Die FLHigkeit, Küchenbretter, Kochlöffel, Koch-
kisten, Fußmatten, feste Wasch- und Haushaltskörbe, seine NLH- und
Einholekörbe, Wolljacken, Schale und Mützen zu machen, Bastschuhe und
Hüte, Bänder und Gürtel zu weben, Bilder aufzuziehen, Kalender und
Notizbücher zu kleben, bringt eine Reichhaltigkeit der Gegenstände ins
Haus. die sonft nicht da zu finden war, das Behagen der ganzen Familie
erhöht und die an Rohmaterial — bis auf Wolle — keine hohen Kosten
verursacht. Aber natürlich muß dafür die echte rechte Handarbeit und
Handfertigkeit gelehrt -werden, nicht die kleinen schmückenden Kniffe und
Handgrisfe, listigen Materialfälschüngen und Nachahmungen der Lieb-
haberkünste.

Dieses Arbeiten für Familie und Heim ist meinen Erfahrnngen nach
die bei weitem stärkfte Triebseder für den Lerneifer der Feldgrauen. Mit
einer Gründlichkeit werden die Maße für Frauen und Kinder erwogen,
die Farben besprochen und mit einer Zärtlichkeit das fertige Werk be-
trachtet, die den Stolz darauf noch übertrifft. Die Wonne, unverhofft
etwas schenken zu können, Frau, Mutter, Braut mit einer Fertigkeit zu
überraschen, ist unsagbar.

Diese neue Erfahrung des Gebens und Befchenkens schlage ich so hoch
an für das Gemütsleben wie die Beschäftigung für die Heilung des Kran-
ken. Die Erfolge liegen also nicht nur in einer äußerlichen Geschmacks-
kultur, sondern in der Veredelung des ganzen Menschen. Weil ich diese
Möglichkeit im Auge habe, bin ich entschiedene Gegnerin der dauernden
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