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Deutscher Wille: des Kunstwarts — 29,3.1916

Seite: 41
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ShakespearZ

^^ür Millionen Deutsche und »icht für die schlechtesten war England
^^vor dem Kriege nichts so sehr wie die glückbekränzte Heimat Shake--
speares, nichts Höheres, nichts Geringeres. Und wenn wir die in
Shakespeare selige Insel darum nicht beneideten, so nur, weil wir uns alle
ihres Wesens fühlten. Das Wort aus den eng miteinander verwandten
regierenden Familien beider Reiche, Blut sei dicker als Wasser, bedentete
sür diese Millionen ganz allgemein, daH zwei Reiche, die einen gemein--
samen Verkünder ihrer tiefsten Zusammenhänge von der Größe und Wahr-
haftigkeit Shakespeares hätten, schon um seinetwillen geschwisterlich leben
müßten. An Kain und Abel dachte man bei uns nicht, deren Tragödie
von einem andern Briten dramatisch erzählt worden war; auch nicht an
das gemeine Lachen der in italienische Gewänder gesteckten Lngländer
— Baralongleute —, die auf den niedergebrochenen, wehrlosen Shylock ein
Vogelschießen von Niederträchtigkeiten veranstalten.

Dreihundert Iahre sind am 23. April seit dem Tode des Dichters ver-
gangen. Wir haben sie genutzt wie dreihundert Kriegsjahre. Er mußte
unser werden, denn er war's. Seines Geistes ersten, arg verdünnten
Hauch hat unser Volk schon verspürt, als er noch lebte und englische Komö-
dianten an deutsche Fürstenhöse kamen. Und heute erhöht die Fülle
seiner Persönlichkeit jede Stunde, wo wir in deutscher Äbertragung seine
Vollkommenheiten lesend genießen oder in einem unsrer ernsthaften Theater
das verkörpert sehen, was seine Seele geschaut hat. Dazwischen' liegen
aber ganze Romane, Trauerspiele und Possen dieses geistigen Eroberungs-
zuges: Tieck, Immermann, Deinhardtstein, um wenigstens je einen Namen
dafür anzuführen. Die Leidensgeschichte der wörtlichen Gewinnung
harrt noch ihres Epikers. Auf langweilig-steisen Alexandrinern mußte
dieser, nur der Natur verbundene Wanderer ansänglich in unser Land


2. Aprilheft 19^6 (XXIX,
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