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Deutscher Wille: des Kunstwarts — 29,3.1916

Seite: 55
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MiliLarisMUs"

eit dem Ende der sechziger Iahre des vorigen Iahrhunderts, so öerichtet
L^^Ladendorf in seinem „Historischen Schlagwörterbuch^, läuft das Wort
Militarismus bei uns um. Seitdem ist es durch Tausende von
Zeitungaufsätzen und Volksversammlungen, durch Hunderte von Abgeord-
neten-Versammlungen und politischen oder soziologischen Schriften weiter-
gegangen. Ieder Forderung für das deutsche Heer schallte es entgegen,
in jeder Erörtevung über Deutschlands Befonderheiten tauchte es auf.
Zu den Tausenden von Malen, die es gebraucht worden war, kamen neue
Tausende, zu den alten Schriften wohl mehr als ein Dutzend neue, als das
Wort den Engländern für einen Scheinkriegsgrund gut genug war.
Da es nun seit ein paar Monaten stiller davon ist, so dürfte die Zeit
gekommen sein, in Ruhe zu fragen, was eigentlich damit gemeint ist.

Zunächst wird man sich von der Vorstellung befreien müssen, das
Wort Militarismus sein ein „Zeichen sür einen Begrisf". Gibt es
außerhalb einfacher Gegenstandbezeichnungen ohnehin nur wenige Wörter,
die im Hörer dieselbe bestimmte Vorstellung wecken, die der Sprecher hat,
so soll es ja in der Politik sogar vorkommen, daß man Worte auch absicht-
lich unklar braucht, — etwa, damit der Hörer ein Megatherion sehe,
wo eine bescheidne Echse kriecht.

G

^wei Meinungen oder Absichten hat das Wort immer gehabt, wie ein
Äpaar Blicke in die Literatur dartun. Sie lassen sich recht wohl unter-
scheiden. Denken wir an einige andre Worte aus ,,-ismus"; sie lassen eine
gleiche Doppelmöglichkeit des Bedeutenwollens und Bedeutensollens er-
kennen. Da ist ein Mensch, der amerikanische Kleidung trägt, den Hut im
Gasthof aufbehält, drei Meter weit spuckt, Tabak kaut, allzu smarte Geschäfte
macht und von Goethe und Sophokles soviel weiß wie Iürgen Tesman von
der Zukunft der Weltwirtschaft. Ein Alterer schüttelt bedenklich den Kopf
darüber und seufzt: da haben wir den Amerikanismus. Dieser Altere macht
später eine Reise durch Amerika. Er lernt sein wirtschaftliches Leben
kennen, den gewaltigen Reichtum, die Wolkenkratzer, die glänzenden Gast-
HLuser, die bürgerliche Freiheit, das frische Aufstreben der Nation drüben,
und er bekennt: das ist der Amerikanismus. Beide Aussagen enthalten
dasselbe Wort in durchaus verschiedner Wendung. Als Bewunderer Ame-
rikas bezeichnet der Deutsche so den Inbegriff der Wesenheiten: Sitte, Wirt-
schaft, politisches Leben, geistige Haltung Amerikas; er will ersichtlich eine
Zuständlichkeit, eine Summe von Tatsachen und Vorgängen damit
treffen. Als Tadler seines deutschen Mitbürgers meint er mit dem Wort
die Fehlwirkung jener Zustände auf diesen, das soziale und seelische
Verhalten des Verirrten mit seiner üblen Vorbildlichkeit, mit seiner
weiterwirkenden Kraft.

Da ist ein Rheder, der ein seeuntüchtiges Schiff um des Geschäftes willen
skrupellos auslaufen läßt, mögen auch zehn Seeleute dabei den Tod finden.
Was bewegt ihn? „Kapitalismus." Ein wirtschastwissenschaftliches Buch
legt das Zustandekommen großer Kapitalien und seine wirtschaftlichen Folgen
dar; Titel: „Kapitalismus^. Das Buch beschreibt eine Zuständlich-
keit, eine Summe von Tatsachen und Vorgängen. Das Rrteil über den
Rheder geht auf sein soziales Berhalten, auf eine üble Gesinnung.
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