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Deutscher Wille: des Kunstwarts — 29,3.1916

Seite: 89
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Ostern

ber den inneren Ausschwung des deutschen Volkes wurde
in den goldenen, blutroten Tagen des Herbstes
sehr viel gesprochen. Nun geht das Ringen bald
zwei Iahre, und manche schütteln das Haupt und
sagen: „Der innere Ausschwung und die sittliche Er-
neuerung? Nein, der Krieg verdirbt ebensoviel als
er nützt, ja mehr. Rnd der Glaube? Ia, in der
Todesnot beten sie alle, aber wenn sie vierzehn Tage
wieder heraus sind, singen sie die alten wüsten Lieder."
Ist das richtig?

Richtig ist, daß wir alle im Grunde die alten Menschen geblieben sind,
sogar dieselben Parteimenschen. Was jeder in der Iugend in sich eingezogen
hat an Liebe, tzaß und Glauben, das macht nun einmal seinen Charakter
aus; es ist geradezu wunderlich, wie sehr im Grunde jeder derselbe ge--
blieben ist; und was er jetzt nicht verwendet, das trägt er in einem Bündel
weggelegt in einer Herzensschieblade, daraus ist ein Zettel: „Beim Frieden
hervorzuholen." Dennoch: es geht eine Wandlung mit dem deutschen
Volke vor sich. Nicht so, daß jeder einzelne für sich allein anders und
besser würde. Aber das Volk ist selbst ein Organismus; und dieses Ganze,
das lebendige Volk, wird verändert unter den Hammerschlägen dieses
Schicksals. An den Menschen, die in zwanzig Iahren seine Glieder sein
werden, wird man es erkennen.

Vor dem Kriege waren die Deutschen auf demselben Wege, den manche
andern Völker Europas vor uns gegangen sind — im Nnterschied von
den zähe dauernden Völkern des sernen Ostasiens —, einem Wege, der
im glänzenden Sonnenschein doch in den Abgrund führt. Kunst, Wissen-
schaft, Technik, Erfolg, Genie — das alles war in überreicher Fülle da.

I. Maihest (XXIX,

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