Hinweis: Ihre bisherige Sitzung ist abgelaufen. Sie arbeiten in einer neuen Sitzung weiter.

Deutscher Wille: des Kunstwarts — 29,3.1916

Seite: 91
DOI Heft: DOI Artikel: DOI Artikel: DOI Seite: Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/deutscherwille29_3/0126
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen Nutzung / Bestellung
facsimile
keit sein, — denn trotz allen Karnpfes, trotz aller haßverzerrten Menschen-
angesichter, trotz aller geldgierigen politischen Lügenreden läßt der Deutsche
den Glauben an die Menschheit sich nicht rauben, den die deutschen Klas-
siker ihm erobert haben. Zuerst wird der Deutsche diese Menschheit er-
kennen in der eigenen Familie, und im eigenen Volke, dessen stolz, was
sein Volk der Menschheit geben durfte. Aber darum weiß er doch, daß
auch die andern Völker aus Gottes Schöpserhand gekommen sind, be-
stimmt, irgendwie auf dieser Erde zu leben und zu schaffen. Und auch
die Menschheit ist ein letzter großer Organismus. Mögen die andern
noch so wahnsinnig hassen, lügen, hetzen — der Deutsche schaut weiter
hinaus in die Iahrhunderte.

Und noch ein Letztes, Drittes, Höchstes wird ein Stück der neuen Fröm-
migkeit sein, — dies hatte dem modernen Deutschen der letzten Iahre,
dem Deutschen der erstaunlichen Erfolge zu sehr gefehlt. Der Glaube an
das stellvertretende Leiden, welches des Menschenlebens letzten teuersten
Inhalt ausmacht, welches die Letzten und die Reichsten, die Schwächsten und
die Stärksten mit den heiligen Krästen des Blutes aneinander bindet. Um
dich zu erhalten, um all diese Familien, um all diese Kinder zu erhalten,
deshalb ist dieser dir Teure gefallen. All der Völkerhaß, all die Gold-
gier ist doch schließlich eine Schuld der Menschheit. Es ist keiner da, der
nicht irgendwie mitzutragen hätte an der großen Schuld. Die aber ster-
ben als tapfere Krieger oder als arme dertriebene Flüchtlinge in Not und
Elend, sie alle sallen, um die Menschheit aufzuwecken. „Gestorben um
euretwillen." Das neue Erleben dieser alten Frömmigkeit schasst die
neue. Als stiller, ernster, treuer Freund wird solcher Glaube an das
stellvertretende Leiden im deutschen Hause stehen. In jeder Familie wird
ein teuerer Verlorener auf Iahrzehnte, ja Iahrhunderte hinaus zu den
Späteren reden als Hüter dieser neuen deutschen Innerlichkeit.

Das ist unsre große Frühlingshoffnung von der Auserstehung des deut-
schen Volkes. Walther Classen

D

Vom Werte des deutschen Staatswesens

(Von einem Neutralen)

er deuffche Staat ist nach innen wie nach außen voll lebendiger
^Kraft. Ls sind alle Gegensätze in ihm vertreten. Sie bekämpfen
sich untereinander, aber sie reiben die Kraft des Staates nicht aus.
Im Gegenteil, sie mehren sie, sie sestigen sie, wie die widerstreitenden Ele-
mente Steine und Zement die Mauer fest machen. Was sonst geeignet ist,
verderblich zu wirken, das wird hier zum Segen. Dieselben Kräfte» die
sich sonst zersleischen — wie das zum Beispiel in Frankreich der Fall
ist —, hier werden sie von einer überlegenen Macht gezwungen, ihre
Spannung einem höheren gemeinsamen Zwecke dienstbar zu machen. Die
deutsche Regierung wirkt dahin, das Volk allmählich zu einer Freiheit
zu erziehen, wie sie in den LLndern der Freiheit, wie Frankreich, England,
Amerika nicht verwirklicht ist, das heißt: zu einem eigentlichen Volksstaat,
in dem jeder einzelne gerade dadurch sich seine individuelle Freiheit bewahrt,
daß er die Schrankenlosigkeit seiner individuellen Gelüste dem vernünstigen

9i
loading ...