Hinweis: Ihre bisherige Sitzung ist abgelaufen. Sie arbeiten in einer neuen Sitzung weiter.

Deutscher Wille: des Kunstwarts — 29,3.1916

Seite: 95
DOI Heft: DOI Artikel: DOI Seite: Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/deutscherwille29_3/0130
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen Nutzung / Bestellung
facsimile
„MUitarismus"

(Schluß)

^Lins hatte der Streit bewirkt: daß nun in Deutschland die Wirkungen
^des Heerwesens auf die Nation anders angesehen wurden als vorher.
Hatten frnher Tausende sich ausschließlich auf die Äbelstände eingestellt,
welche die Politiker aus der Wehrpflicht entstanden meinten, so ausschließ-
lich, daß eigentlich nur diese Abelstande mit dem Wort Militarismus ge-
troffen wurden, so erschienen jetzt Schriften über Schriften, welche den
Segen schilderten, der vom Heere her sich über die Nation verbreitete:
da er in abstrakto dasselbe war wie jene Abelstände, nämlich soziologische
Folge des Wehrpflichtwesens, konnte man auch ihn „Militarismus" nennen.
Ls ist manch bedeutsames Wort über ihn gefallen. E. Troeltschs No-
vember-Rede „Unser Volksheer" (Heidelberg (NO feierte die Armee in
ihrer Doppelart als Berufs- und als Volksheer und schilderte einläßlich
ihre nationalpädagogische Bedeutung, zugleich dem Militarismus alten
Stils eine unbedeutende Nebenrolle anweisend. Professor W. von Blume
(„Der deutsche Militarismus", Tübingen feierte Disziplin und Kame-
radschaft als die Hochtugenden des Heeres, die dem ganzen Volks zugute
kommen; der Ostjude Nachum Goldmann („Der Geist des Militarismus",
Stuttgart (9(5) verstieg sich gar zu der Behauptung, der Militarismus
als das tiefste Prinzip des Menschheitfortschrittes werde nun die Welt
beherrschen, die soziale Frage lösen, das Friedensideal verwirklichen, —
ein Ergebnis, zu dem er sreilich nicht mit realistischen Gedanken, sondern
einzig auf dialektischem Wege kam. Sehr geistreich, wenn auch stark
übertrieben, schilderte der Däne Prof. K. Larsen den Militarismus als
deutsche Nationalreligion, als völkische Arbeitsmethode und Organisations-
fonn, als die notwendige, philosophisch und soziologisch tief begründete
Daseinsform moderner aufstrebender Völker („Der deutsche Nationalmilita-
rismus", Berlin (9(5)/

G

^vber was ist denn nun „Militarismus" ?

^Unsre kleine Rntersuchung ist von den Worten begriffliche Bedeutung,
Nebensinn, Gefühlswert, Sprachgebrauch, soziologischer Militarismus be-
herrscht worden, und nur ein paar Zitate haben angedeutet, was denn nun
nicht in abstrakto sondern in konkreto unter dem Worte Militarismus zu
verstehen sei. Alle diese Folgeerscheinungen, das eigentliche Wesen des
Militarismus zu erörtern, dazu würde aber nun ein Kunstwartheft
nicht ausreichen; selbst der knappe Aufsatz Kerstings, der doch nur eine

* Weitere Schriften: O. v. Gierke, Der üeutsche Volksgeist im Kriege, Stutt-
gart (9(5; W. Classen, Volkskraft und Heer, Hamburg (9(^; L. Ziegler, Der
deutsche Mensch, Berlin (9(5; H. Schreuer, Die allg. Wehrpflicht, Bonn (9(5;
Klingender, Der deutsche Offizier, Hamburg (M. So wertvoll in gewissem Sinne
die weite Verbreitung solcher Kriegsschriften erscheinen mag, mit wenigen Aus-
nahmen (Larsen, Ziegler) enthalten sie nichts sachlich Bedeutsames, was nicht
schon vor dem Kriege von Berufenen gesagt worden wäre. Lin einziger
Aufsatz wie A. Kerstings „Linfluß des Kriegswesens auf die Gesamtkultur"
umsaßt alles, was die Kriegshefte erwähnen und noch mehr (erschienen in der
„Kultur der Gegenwart", H. Teil, (2. Band, Technik des Kriegswesens, Leip-
Zig (9(3).


95
loading ...