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Deutscher Wille: des Kunstwarts — 29,3.1916

Seite: 97
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unter den Verfassungen des V- Iahrhunderts die organisatorische Tätigkeit
im gesamten deutschen Volksleben wieder hervor. Diese tiefer liegenden
Ursachen muß man sich vor Augen halten, wenn man die oft gehörte
Behauptung, der Zug der Organisation sei bei uns eine Äbertragung des
Militarismus aus das bürgerliche Gebiet, aus ihr richtiges Maß zurück-
führen will. Da wir das einzige Volk der Erde sind, das die allgemeine
Wehrpslicht seit länger als einem Iahrhundert besitzt, so ist es erklärlich,
daß die Lebensformen der Armee auf unser gesamtes Volksleben einen
tiefgehenden Einfluß geübt haben und weiter üben. Die allgemeine Wehr-
pflicht, als der älteste demokratische Bestandteil unseres Staatslebens, ist
(was den Ausländern an uns so schwer begreislich erscheint) die beliebteste
Einrichtung unseres Staatslebens überhaupt. Aber wenn sie es ist, so
gerade deswegen, weil sie, obgleich aus historisch bestimmten Anlässen
enLstanden, gleichwohl einer vorhandenen und tief gewurzelten Anlage
unseres Volkscharakters entspricht. Weil Hang und FLHigkeit zur Ein-
ordnung bei uns vorhanden sind, deswegen konnte die erste wohlgelungene
gewaltige Organisation, die der Armee, in der Tat einen über sie selbst
hinausreichenden Einfluß ausüben."

Dieser Gedankengang läßt sich auf fast alles übertragen, was je unter
Militarismus verstanden wurde. Würde das etwas mehr bedacht, so wür-
den die künstigen Kämpse wesentlich an tzitze verlieren.

Im übrigen gelte der alte Trost, daß der Krieg der Vater aller Dinge
ist, auch für die Beurteilung dieser Kämpfe. Wenn Feldmarschall-Leut-
nant Ratzenhofer, der bekannte österreichische Soziologe, meint, allein die
„Solidarität^ zwischen Staat und Volk, wie sie in Rom geherrscht habe,
verbürge ein Abslauen des Antimilitarismus, erst wenn diese erreicht sei,
werde sich zeigen, „daß die Staatswehr eines zivilisierten Volkes nicht den
mindesten rückschrittlichen Charakter hat und daß die Oualitäten des besten
Soldaten auch die des besten Staatsbürgers sind", so erösfnen die gegen-
wärtigen Erlebnisse Deutschlands eine nicht unerfreuliche Aussicht. Denn
kein Volk der Erde steuert jener Solidarität heute so entschlossen zu wie
das deutsche. Für die KLmpse aber, die vor dem Ziele noch zu erwarten
sind, kann man nicht mehr wünschen, und aus nichts andres hinwirken,
als darauf, daß sie mit sachlichen Gründen, mit Aufrichtigkeit und
Würde statt mit Phrasen und Kleinlichkeit, und endlich: daß sie mit soviel
begrifflicher Klarheit geführt werden möchten, wie die politische Luft nur
immer zuläßt. sms

G

FreideuLsche Jugend nach dem Kriege

eistesbewegungen haben so gut ihr Blühen und Welken wie ein
lGewächs, denn sie brauchen durchaus zu ihrem Reisen Zeit; ist der
Same aber ausgestreut, so kann die jeweilige Form zerwehen. Ist
die Iugendbewegung, die sich unter dem Feldgeschrei „Freideutsche Iugend^
sammelte, im Aufgang, oder wird sie — in dieser Form — nicht mehr
wiederkehren?

Wichtiger, als ein Voraus sagen, das ein unsicheres Prophezeien wäre,
ist heute ein Voraus w o llen.

Fragen wir zunächst: was wollte die Freideutsche Iugend bisher?

Man muß diese Bewegung einzureihen suchen in unsere Zeit über-
haupt. Aber jede Zeit hat auch ihre Gegenströmung, und zwischen Satz

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