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Deutscher Wille: des Kunstwarts — 29,3.1916

Seite: 101
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Blumenbinderei

ist ein Mangel unserer Blumenbinderei, daß sie zwischen welkem
Iund frischem, „totem" und „lebendem" Material nicht immer unter-
scheidet, daß sie sich dessen nicht klar bewußt ist, daß die Verschieden-
heit des Stoffs auch ganz verschiedene Behandlung erfordert. Die Blu-
menbinderei mit frischen Pflanzen darf den Charakter des Lebendigen
nicht zerstören, im Gegenteil, sie wird desto seinere Wirkungen zu erreichen
vermögen, je feiner sie ihn hervorhebt. Welchen Eindruck erzielt denn
ein Strauß, der Hunderte roter und weißer Rosen und blauer Vergiß--
meinnichtblüten so aneinander zwängt, daß schließlich ein wohlgezeichnetes
weiß-rotes-blaues Muster dastehL? Den eines blau-rot-weißen Musters.
Und welchen der von einer feinfühligen Hand gebundene Strauß, die ein
Dutzend Blumen so zusammenstellte, daß eine jede, statt ein Mosaikstein
zu werden, ihr eigenes Leben behält? Daß der Reichtum an Formen
und Farbtönen unvergleichlich größer ist, das bildet noch nicht einmal
den Hauptvorzug dieses zweiten Straußes. Der liegt darin, daß wir
iu solcher kleinen Florakindergesellschast etwas wie ungezwungenes, leises
Leben sühlen, ein lächelndes, slüsterndes, glückliches Beieinanderleben, wäh-
rend dort ein Ornament aus Köpfen zusammengepslastert wurde.

Man hätte kein Recht, sich auf Teppichbeete und dergleichen zu be-
rufen, die vor Villen und Schlössern sehr angebracht sein können. In
solchen treten die Pslanzen in Reih und Glied aus, und ihre regel-
mäßigen Züge und Gruppen können deshalb in ganz geschmackvoller Weise
vom Architektonischen des Steinbaus hinüberleiten zur Ungezwungenheit
des freien Pflanzenvolks rings in Park und Landschaft. Aber die Per-
sönlichkeit der einzelnen Pslanze lebt auch im Teppichbeete noch fort:
treten wir nah genug, um überhaupt das Linzelne zu erkennen, so er-
kennen wir auch die einzelne wirklich lebendige Pslanze. Deshalb sind
sogar Wappen und Namenszüge aus Blumenbeeten wenn selten schön,
so immerhin erträglich.

Ie feiner eine kunstgewerbliche Tätigkeit sich entwickelt, desto mehr strebt
sie dahin: alles, was sie gibt, als das zu geben, was es ist. Der rechte
Goldschmied kennzeichnet durch die Art seiner Arbeit seit je das Gold,
der Lisenschmied das Schmiedeisen, der Kunstglaser das Glas, der Kunst-
tischler das Holz eben als Gold, Eisen, Glas oder Holz. And so soll
der Straußbinder uns Blumen und Blatt als Blumen und Blatt kenn-
zeichnen, damit wir die Eigenart ihrer Schönheit ungestört, ja, durch
Gegensatz oder Harmonie des Umgebenden erhöht genießen.

Der rein künstlerisch Prüsende wird der Meinung sein, daß man heut-
zutage der Blumen gar zu viele abschneidet. Wir verlangen vom
Kunsttischler nicht, daß er das Holz dauerhaster machen solle, als Holz
nun einmal ist, aber wir verübeln es ihm, wenn er zwecks reicherer Schnör-
kelei seinen Tisch so verschneidet, daß er bald zusammenknackt. Möglichste
Dauerhastigkeit fordern wir auch vom Kunstgewerbe, und einen Kunst-
handwerker, der uns Sachen geliesert, die dem Auge viel vormachen, da-
sür aber bald zerbrechen, nennen wir in doppeltem Sinne einen unsoliden
Herrn. Warum stellen wir an den Kunstgärtner seltener die Ansorderung,
daß seine ja ohnehin so vergängliche Ware nicht wenigstens tunlichst
dauerhast sei? Da bleibt nun gewiß: Pslanzen im Blumentops halten
sich besser, als Blumen im Strauß. Soll es aber ein Strauß sein: wes-
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