Hinweis: Ihre bisherige Sitzung ist abgelaufen. Sie arbeiten in einer neuen Sitzung weiter.

Deutscher Wille: des Kunstwarts — 29,3.1916

Seite: 102
DOI Heft: DOI Artikel: DOI Artikel: DOI Seite: Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/deutscherwille29_3/0137
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen Nutzung / Bestellung
facsimile
halb duldet man das Aufdrahten, das doch das «Heute rot, morgen tot«
so unnötig pünktlich bewahrheitet? Ganz abznsehen also davon, daß es
dem Künstlichen auf Kosten des Künstlerischen Vorschub leistet.

Ich glanbe, das hängt auch mit dem Protzen zusammen, mit dem
prahlenden Luxus, den die Mode mit den Blumen treibt. Wie hübsch
verrät sich dieser doch ferner in den Größenmaßen der Sträuße und
Kränze! Da gibt es Blumenbüschel, als sollte sich nicht ein Menschenauge
daran erfreuen, sondern eine Kuh daran satt essen, da gibt es Lorbeer-
kränze, als sollten sie einem Mimen nicht die Stirne zieren, sondern zum
Springreifen beim Turnen dienen.

(A

/^ind diese Worte alt oder neu? Ich gab sie fast genau dor einem Vier--
^teljahrh undert dem Kunstwart zum Druck. Dann kam die „neue
Bewegung", Brinckmann und Lichtwark wirkten, man beschäftigte sich näher
mit der Blumenpslege in Ostasien, und auf diesem limwege um den ganzen
Lrdkreis herum kamen wir wieder zu uns selbst. Die Freude an der
Blume als an einem Einzelgebilde, dessen Einzelschönheit man in Be-
ziehung zu andern Linzelschönheiten setzen, nicht aber einstampsen dars,
sie siegte, und die Sträuße mit Blumenpflasterungen und die ausgedrah-
teten Blumentodheiten überhaupt wichen freieren, feineren, an Leben rei-
cheren Gebilden. Wer aber die neuesten Veranstaltungen für Blurnen-
bindekunst sowohl wie für Kunstblumen verfolgt hat, der wird die Gesahr
sehen, daß es wieder werde, wie es einst war. Schon auf der Münchner
Gartenbauausstellung des vorvorigen Iahres drängten sich allerhand uner-
freuliche Beobachtungen auf. Wir brauchen nicht anzunehmen, daß wir
gleich in jenen tiefen Angeschmack zurücksinken, der damals, vor sünf-
undzwanzig Iahren, aus Blumen- und Gartenbau-Ausstellungen mit Vor-
liebe diejenigen Blumenbinder prämiierte, die mit Draht, saurem Schweiß
und Tausenden von Schnittblumen die Bildnisse der zugehörigen Landes-
väter in „Arrangements" gepflastert hatten. Das war das Ende einer
Entwicklung- dann faßten sich die Leute an den Kops und kehrten um.
Müssen wir auf den falschen Weg erst wieder abirren?

And noch eins: die Freude an der Schönheit von Blume, Blatt und
Zweig ist wieder verroht. Wer Sonntags „in die Amgegend" kommt oder
abends die heimkehrenden Kinder und Eltern aus der Straßeubahn sieht,
der mag sich fragen, ob er zwischen Leuten ist, die Blumen gepslückt oder
die Heu geerntet haben. Trotz aller Bitten, doch wenigstens an die Land-
wirtschaft zu denken, schleppen sie Bündel, als gält' es nicht Augen zu
erfreuen, sondern Esel zu füttern. Keine Form, keine Farbe, keine Lieb-
lichkeit überhaupt kommt noch irgendwie zur Geltung. „Die Menge
tut es.« A

Die Frau und die Tracht von heute

*^u unsern Ausführungen über „Modejammer und politische Reife"
^Him ersten Aprilheft erhielten wir eine Anzahl Zuschristen von Frauen.
E-FDie Sache ist wichtig genug, um ihr Raum zu widmen. GLben wir
aber alle Ausführungen wieder, so würde vieles unnötig wiederholt. Bräch-
ten wir nur die eine oder andre, so fielen manche Einwände unter den
Tisch. Darum wollen wir in kurzem Auszug einen Aberblick über alles
das geben, was gegen unsre Stellungnahme gesagt wurde, und jedesmal

^02
loading ...