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Deutscher Wille: des Kunstwarts — 29,3.1916

Seite: 141
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Rethel

Zum 15. Mai 1916

^M^üstere große geschichtliche Gestalten, dann der Tod und abermals
^HDund nochmals der Tod — das tritt bei der Lrinnerung an Rethels
Kunst sofort auf uns zu. Nichts Heiteres, sinnlich Schönes, wie es
etwa bei dem Namen Raffael oder Mozart sogleich an Iugend, Lenz
und Liebe denken läßt. Vielleicht kommt es daher, daß wir bei diefem
so lange schon Gewesenen uns so selten dessen bewußt werden, daß er be--
reits mit siebenunddreißig Iahren aus dem Kreise der Schassenden weg-
trat. Aber erst, wer sich Rethels Iugendlichkeit vergegenwärtigt, ahnt
recht, was mit ihm in Irrsinn und Tod versank. Ist es uns nicht bei der
Vorstellung, daß er ja jünger als Bismarck war, als müßte irgendwo im
Traumlande noch ein derschlossener Saal voll größter geschichtlicher deut-
scher Kunst liegen, an dessen Pforte in goldenen Lettern das ^Rethel" steht?

Was wir tatsächlich von ihm besitzen, ist viel weniger gleich an Wert,
als man bei seinem großen Namen gern zugeben mag. Es ist noch eine
Menge Atelier, Schule, Zeit, es ist noch sehr viel Versuchen und auch sehr
viel Verfehlen darin. Wer meinte, man müsse an allen Großen alles
bewundern, und etwa danach die Augen seiner Schüler auf Rethel ein-
stellen wollte, der würde Unheil anrichten. Man kann auch nicht sagen,
daß einzelne Werke plötzlich den „freien" Rethel zeigen, der den Druck
über sich abwürfe, wie der Auferstehende den Grabstein. Er erscheint auch
in den bedeutendsten Arbeiten eher als einer, der Fesseln eben erst
mühsam abgestreift hat,- wenn es vollbracht ist, geht der Atem noch schwer.

Und was ist von ihm errungen? Der Kunsthistoriker denkt zunächst
an die Äberwindung von düsseldorfischen und sonstigen Zeiterscheinungen
der Malerei oder an seine Verschmelzung mit nazarenischem Wesen, von
dem ein Beischuß in Rethel floß. Aber solcherlei Interesse besteht ja über
die jeweilige Gegenwart Hinaus nur sür die wissenschastliche Betrachtung
zu Recht. Die höchste geschichtliche Wichtigkeit Rethels ist, daß er vom ge-
schichtlichen Repräsentationsbild zum geschichtlichen Ausdrucksbild führte.

Wo das erreicht ist, spüren wir vor seinen Werken wie in Tempel-
gemächern die Gegenwart dessen, was dem Namen nach hunderttausend
Maler betreiben: große Historienkunst. Das sagt nicht: eine Kunst, die
geschichtliche Augenblicke darstellt, wie sie gewesen sein mochten. Noch:
eine kulturgeschichtliche oder auch psychologische Studie über den betrefsen-
den Vorgang. Noch besagt es: ein gemaltes allegorisches Arrangement
darüber. Es besagt: eine Kunst, die in dem einen Augenblick, den sie dar-
stellt, in ihren Gestalten die Menschheit fühlen läßt. Man denke an den
Hannibalzug, an die Schlacht von Cordova, an Ottos Besuch in Karls
des Großen Gruft. Auch in solchen Werken ist Restliches aus der Zeit,
ist vielleicht sogar da und dort etwas, das uns flüchtig lächeln macht. Es
stört nur, wie Schneeflocken ein Denkmal stören, denn es kam von außen
her. Auffällig ist bei Rethel sofort, daß er ganz im Gegensatz zu seinen
Zeitgenossen unmittelbar in die Handlung sührt, in die Tat; wenn man
irgendeinen Maler „dramatisch" nennen kann, dann ihn. Schon im Kör-
perlichen ist ein Bewegtsein in diesen Bildern, wie er es vielleicht als erster
gewagt. Das aber, was sie zu Bereicherungen unsres Kulturschatzes ge-
macht hat, errang ihnen ein dunkler Trieb nach dem zusammenfassenden
Ausdruck des Weltgeschichtlichen. Am die großen Historienbilder schwebt ein
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