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Deutscher Wille: des Kunstwarts — 29,3.1916

Seite: 151
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es kann unmöglich gelingen. Diese Tätigkeit wird für ihn nur Mittel
zur Erhaltung der materiellen Existenz sein können. Der weitere Lebens -
inhalt muß außerhalb des Fabriksaales gesucht werden. Wir finden
ihn in einem vertieften Familienleben, zur Entfaltung gebracht
in der Heimstatt. Dann kann der Arbeitsmann zu sich selber sprechen:
Bin ich in der Fabrik auch nur ein RLdchen, ein Maschinenteil, ein
Werkzeug — hier in meiner Heimstatt bin ich Herr und König; hier forme
und gesralte ich nach meinen eigenen geistigen und seelischen Kraften;
hier nehme ich Anteil an der wunderbaren Schöpferkraft, die sich in der
Welt auswirkt. So bin auch ich etwas, ein Zentrum der Kraft--
entfaltung. Täuschen wir uns doch nicht darüber: die Anruhe, die
Anrast, die Zerfallserscheinungen in unserer Arbeiterbevölkerung sind ein
untrügliches Zeichen dafür, daß es hier sehlt an einem eigentlichen Lebens-
ziel, an einer Lebensausgabe, groß genug, den Menschen über sich heraus--
zuheben. Ich kann mir nicht denken, wie wir solchen Inhalt schaffen
könnten, es sei denn in der Anleitung zu vertieftem Familienleben. Nun
aber ist die freie Heimstatt, die Kleinsiedlung eine der Voraussetzungen dazu.
Hier ist es wieder möglich, zwischen Eltern und Kindern eine gewisse Ar-
b e i t s gemeinschast zu gewinnen, jene Gemeinschaft, die der Arbeiter--
familie durch Industrieentwicklung und Städteleben verloren ging. In
der Bodenbearbeitung, im Graben, Pflanzen, in der liebevollen Pslege
des Nutzgartens findet sie sich, und aus A r b e i t s gemeinschaft wächst erst
rechte Lebens gemeinschaft.

Von welcher Seite aus wir das Problem der Heimstatt und Kleinsiedlung
auch anfassen mögen, selbst vom Standpunkte des Industriearbeiters aus
gesehen, gelangen wir zu freudiger Bejahung. Der Kunstwart schrieb
einmal: „Im allgemeinen werden Industriearbeiter von der Einrichtung
der Heimstätten wenig Gebrauch machen. Aber es gäbe auch in Industrie--
bezirken Werkmeister, Beamte usw., die nach menschlicher Voraussicht dauernd
in derselben Gemeinde bleiben." Ich bin ganz und gar anderer Ansicht.
Gewiß bringt die eigene Heimstätte bestimmte Hemmungen in der Frei--
zügigkeit mit sich, aber werden sie durch die Sicherung, die die Existenz
der Familie dadurch gewinnt, nicht hundertsach ausgewogen? Auch das
Interesse der Arbeiterbewegung widerspricht der Heimstätten-Gründung und
Seßhastigkeit der Arbeiterbevölkerung an sich nicht. Darum braucht kein
Industriearbeiter seiner Standesbewegung verloren zu gehen. Im Gegen-
teil, es ist durchaus der Fall denkbar, ja er ist in der Tat schon dagewesen,
daß unvermeidlich gewordene Lohnkämpse nur dadurch ersolgreich für die
Arbeiter entschieden werden konnten, weil Ligenheim und damit der große
wirtschaftliche Rückhalt des Daseins gegeben war. sn^ Ioseph Ioos

Vom Heute fürs Morgen

„Anreiz"

as eine Wort bezeichnet treffend
den Hauptgrund, den die Pro-
duzenten und Händler in dieser
gegenwärtigen wirtschastlichen Be-
lagerungszeit für eine ihnen selbst

genehme Preispolitik anführen. Sind
die Fleischpreise niedrig, so hat der
Fleischer „selbstverständlich" wenig
Lust, zu schlachten und Fleisch zu
verkaufen. Ist das Gemüse billig,
so kann man es dem Gärtner und
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