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Deutscher Wille: des Kunstwarts — 29,3.1916

Seite: 193
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ist durch die neueren Forschungen ihres Mmbus entkleidet. Die schlechte
Gegenrede lautet: „Nein, wir lassen uns das ideale tzellas und das
klassische Rom nicht rauben." Die bessere: „Was fallt, salle, wir wollen
es selbst abstoßen". Nnd diese könnte fortfahren: „Zwar mit Mommsens
überhitzter, gehässiger Cicerobeschimpsung gehen wir nicht mit — politische
Tendenzhistorik ist nicht »die neuere Forschung«; wir sind Humanisten, Men-
schen, keine Ketzerrichter. Aber sonst sollen uns Eduard Meyer, Wilamo-
witz, Arnim, Poehlmann, Maier, Ritter, Gomperz und viele andere wahr-
lich nicht umsonst gelebt haben; nur lesen wir sie nicht, um wilden Hasses,
triumphierend, gestürzte Götter aus ihren Werken Herauszusischen. An die
Ewigkeitwerte rühren sie überhaupt nicht. Von Homer bis zu Latull
und Plinius — die ganze Reihe steht noch; Hypothesen wechseln, Werke
bestehen. Kein zeitgemäßerer Buchstofs für einen Humanisten als: „Die
entschleierte Antike oder: wie man Wissenschaft mißbraucht". Wer
schreibt es?

Wie unterrichtet man übrigens in Kultur? Hier will man deutsche,
dort antike unterrichten. Wer die tiefsinnigere, psychologisch und stofslich
bedeutsamste Methode zuerst darlegt, wird einen gewaltigen Vorsprung
erringen. Einstweilen steht in dieser Beziehung, von einzelnen neuen
Versuchen abgesehen, dem tastenden Versuch auf der einen Seite das —
„klassische Realienbuch" auf der andern gegenüber, das nicht einmal ein
Versuch, sondern das eingestandne Unvermögen ist.

Wäre Aussicht auf baldige Streitentscheidung, so wäre heute jede An-
regung verspätet. Aber man wird noch Iahre streiten, Iahrzehnte viel-
leicht. Ich schlage eine ständige Kommission von Humanisten vor, bestehend
nicht aus den kühlsten und vielleicht ergebnisreichsten geschichtlichenKritikern,
sondern aus den feinsühligsten, edelsten Geistern dieses an Geist so reichen
Kreises von Wissenschastern. Sie heiße die Wassenschmiede und lehre Iünger
an, die den Kamps verstehen und lieben. An Freunden wird es nicht fehlen,
welche die Waffenschmiede sreudig am Leben erhalten.

Wolsgang Schumann

ChristLiches und „Christliches"

1. Deutsche Christliche Studentenvereinigung

us Veranlassung des Herrn Dr. Gerhard Niedermeyer, leitenden
Sekretärs der „Deutschen Christlichen Studentenvereinigung", muß
^^-ich die Leser noch einmal mit dem unter „Studentisches^ im zweiten
Märzheft des Kunstwarts besprochenen Fall beschäftigen.

Ein Berliner Student hatte an gewisse Erscheinungen des studentischen
Lebens in der Reichshauptstadt eine sehr scharse Kritik angelegt, die auf
salschpatriotische Radaumacherei, Breittreten inhaltarmer Gefühligkeiten,
augedienerisches Strebertum, um sich an hohe einslußreiche Persönlich-
keiten heranzumachen, und Ahnliches erkannte, oder darauf als auf Ge-
fahren hindeutete. Er war dasür von der Berliner Universitätsbehörde
relegiert worden und zwar aus Umwegen, und so, daß der Schein persön-
licher Motive oder Umtriebe nicht vermieden war. Männern verschieden-
ster Parteirichtung erschien dieser Fall außerordentlich bedenklich, — sagen
wir einmal: als ein Wetterleuchten. Wir wissen alle, was vor hundert
Iahren nach den Freiheitskriegen geschah, und sind entschlossen, beizeiten
denen entgegenzutreten, welche die vaterländische Erregung der Gegen-
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