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Deutscher Wille: des Kunstwarts — 29,3.1916

Seite: 198
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korrespondenz verbreitet sie in anonyrner Fassung. Christlich gestimmte
Zeitungen drucken dann solche Beiträge im Vertrauen auf ihre Sachlichkeit
ohneNachprüfungab. So schrieb mir der Schriftleiter des „Reichs-
boten", daß er meinen, in solcher Form nun auch im „Reichsboten" an-
gegrisfenen Aufsatz gar nicht kenne. fm) Stapel

Vom tzeute fürs Morgen

Deutsche Abgrenzung

^st es wahr, daß es den Deutschen
Oan Nationalstolz fehlt? Alle
Ansländer finden, wir hätten davon
zuviel! Ist es wahr, daß es uns
an Fähigkeit zum Eingehen auf
fremde Ligenart fehlt? Alle Deutsch-
tümler bemängeln, daß wir darin zu
weit gehen. Was dem Deutschen
fehlt, das hängt mit seinem Ver-
hältnis zu seinem Volkstum zunächst
gar nicht zusammen. Es ist etwas
durchaus Privates. Ich gebe ihm
den Namen: die innere Anbe-
wegtheit und Ruhe in der Selbst-
empsindung, die man als Ange-
höriger des größten wie des gering-
sten Volkes haben kann. Es ist die
naive, gleichsam animalische Selbst-
genügsamkeit, die Äberzeugung von
sich selbst; nicht von sich selbst als
Deutschem, sondern als Privatmann.
Es fehlt dem Deutschen gewiß nicht
an Selbstgefühl, aber an Ruhe des
Selbstgefühls. Es ist zu äuße-
rungsbedürftig. Nicht die Art,
wie das deutsche Selbstgefühl aus
Amgebendes reagiert, sondern daß
es allzu willig darauf reagiert,
das reizt drinnen und draußen zu
unliebsamer Aufmerksamkeit. Die
Umgebung reizt den Deutschen, sei
es zum Widerspruch, sei es zur Ein-
stimmung, sei es zum Anstreben
ihres Beifalls, sei es zu ihrer For-
mung nach seinem eigenen Muster.
Dieses Bedürfnis, sich zum Am-
gebenden immer in irgendeine Be-
ziehung zu setzen, sei es die der
widerstandslosen Hingabe, sei es die
der trotzigen Selbstbehauptung, die-

ses Bedürfnis ist eine Abhängig-
k e i t.

Man hat anscheinend noch nicht
oft genug bemerkt, daß unterstriche-
nes Pochen auf die eigene Nationa-
lität (was die Ausländer uns vor-
wersen) wie das haltlose Eingehen
auf Fremdes (was die Deutschtüm-
ler beklagen) innerlich vollkommen
gleichwertig sind; sie stammen von
dem Mangel innerer, persönlicher
Rnbesangenheit ab. Bestünde dar-
über mehr Klarheit, so würde man
bei uns viel vorsichtiger sein mit der
Anempfehlung von „mehr National-
stolz^. Damit erzieht man Höchstens
Rüpel. Und ebenso würde man die
Beachtung ausländischer Art nicht
als Bildungsmittel so wahllos bei
uns verwenden. Damit erzieht man
mit Sicherheit geistige Emporkömm-
linge. Mit allem Nachdruck darf
gesagt werden: nicht eine irgendwie
aus die nationalen Abgrenzun-
gen gestützte Erziehung kann dem
Deutschen geben, was ihm fehlt, son-
dern die private Lrziehung ist es,
die hier allein Erfolg verspricht.
Schule und Elternhaus, an euch ist
es, repräsentable Deutsche zu bilden,
indem ihr, ohne viel über Deutsche,
Franzosen und Engländer zu pre-
digen, den reifenden Knaben zu
innerer Gelassenheit bringt. Gebt
ihm die innere Festigkeit und Aber-
legenheit gegenüber allem, was nicht
er selbst ist: so wird er nicht das
Bedürsnis empfinden, sich grob und
deutlich dagegen abzugrenzen, und
noch viel weniger wird er Lust füh-
len, es nachzuahmen. Setzt Preise auf
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