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Deutscher Wille: des Kunstwarts — 29,3.1916

Seite: 229
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(Lntwicklung gehabt als irgendein europäischer Staat, und in seinem Be-
wußtsein verwandelt sich, wie stets bei unkritischen Menschen, das „leich-
ter" in ein selbstzufriedenes „besser". Erst durch Verzicht auf das naive
Selbstbewußtsein und durch innere Achtung vor den Schwierigkeiten und
Idealeu der im surchtbarsten Krieg der Weltgeschichte Ringenden würde
Amerika zur Vermittlerrolle reis werden. Ein Amerika, das das wäre,
wofur es sich hält, würde nicht einen solchen Krieg zum Gegenstand von
good busineß machen. Zu gleicher Zeit solche Tatsachen und solche Reden,
das ergibt eine Weltgroteske an Widerspruch.

Von den Aufgaben des Theaters

mn der Leiter eines großen Bühnenunternehmens zurücktritt, wie
^I H Mjetzt der Leiter des Dresdner tzosschauspielhauses, so berichten die

Zeitungen: die Bewerbungen um seine Nachsolgerschaft hätten nun
begonnen, es bemühten sich mit mehr oder weniger Aussichten die tzerren
N, P, R, P, Z und andere darum. Als wäre eben nur eine „gute Stelle"
frei. Aber die Leitung eines großen Theaters ist keine nur örtliche An--
gelegenheit, und so sollte man auch den Schein fernhalten, als könnte
sie behandelt werden, wie eben die „Vakanz" eines vielgesuchten „Postens"
sonst. Für jedes große, im Mittelpunkt eines Kulturkreises, eines Bun--
desstaates oder einer großen Provinz, stehende Theater sind Kultur-
aufgaben gestellt und ist Kulturarbeit geboten.

Wir Deutschen haben nicht wie die Franzosen oder die Österreicher
nur einen Kulturmittelpunkt. Des Anschlusses an die Gesamtkultur wer-
den wir ebenso in München, tzamburg oder Dresden wie in Berlin teil-
haft. Dies ist zunächst nichts als eine geschichtlich gewordene Tatsache,
für die Verantwortlichen eines Bundesstaates aber ergibt es die Pflicht,
keinen im Kulturleben wichtigen Punkt zu vernachlässigen, sondern den
Kulturwettbewerb zwischen Deutschlands Großstädten als eine der edel-
sten und würdigsten nationalen Ausgaben im deutschen Volksleben zu
behandeln. Darüber, daß die Kunst im allgemeinen „zur Kultur gehört",
ist ja heute kein Streit. Man sieht die Museen der deutschen Städte seit
Iahrzehnten am Werk, sich auszugestalten zu Stätten der Freude und Bil-
dung, und niemand behauptet, daß es besser wäre, alle Kunstschätze in
ein Riesenlabyrinth zu verstauen. Freilich, spricht man in solchem Zu«
sammenhang vom Theater, so verzieht sich das Antlitz der Wissenden leicht
zum Lächeln. Man hört dann Worte wie „geschäftlicher Großbetrieb" und
„Industrieetablissement für öffentliches Vergnügen". Ilnd in sehr vielen
Fallen leider mit Recht. Lassen wir das für unsre heutige Betrachtung
dahingestellt, geben wir die Operettenbühnen, die Theater dritten, vierten
und fünften Ranges dem „reinen Geschäftsbetriebe" preis und auch die-
jenigen Theater höherer Uranlage, welche sich allmählich dem „Zeitgeift"
verkauft haben? Nehmen wir an, daß in vielen guten Theatern „der ge-
mischte, und zwar der kunterbunt aus Gutem, Mittelmäßigem und Schlech-
tem gemischte Spielplan nicht aus der Welt zu schafsen" ist, aus zahlreichen
Gründen nicht. Erinnern wir uns aber auch, daß trotz alledem monatlich
Millionen von Besuchern in unsre Schaubühnenhäuser gehen, für die
aus vielen Ursachen hier der einzige Ort ist, an dem sie mit dem Besten
von Anschauungen und Gedanken unsrer Schafsenden in Berührung kom-
men. Trotz aller Blumenthale, Bahre, Wiede und Skowronneke sind

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