Die Dioskuren: deutsche Kunstzeitung ; Hauptorgan d. dt. Kunstvereine — 18.1873

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Kunstkritik.

Die Sckülckt bei Wien 1683.

Oelgemälde von Joseph Brandt in München.

essing's Ausspruch, daß die Vollkommenheit in
der Uebereinstimmung des Mannigfaltigen be-
steht, findet auf das Schlagendste in dem
großen Gemälde von Joseph Brandt seine
Bestätigung. Bevor wir auf eine Schilderung
des Bildes und dessen technische Vorzüge ein-
gehen, schicken wir zum besseren Verständnisse
eine kurze historische Erklärung desselben voraus.

Der Großvezier Kara Mustapha belagerte
im Jahre 1683 mit einem Heere von 200,000 Türken Wien, um
durch diese südöstliche Pforte nach Deutschland vorzudringen. Schon
war Ungarn eingenommen. Ringsum rauchte es von brennenden
Ortschaften. Die ersten türkischen Reiter erschienen am 12. Juli
vor Wien. Der Kommandant der Residenz war Rüdiger v. Stahrem-
berg, der sich muthig mit nur 17,000 Mann gegen die heftigen An-
griffe der Türken vertheidigte. Aber Hunger und Roth bedrängten
außerdem die Stadt und schon stiegen Nothsignale vom Stephans-
thurme auf, um den bang erwarteten, verbündeten Truppen die
schwere Bedrängniß der Stadt anzuzeigen. Da kündigten drei Ka-
nonenschüsse und aufsteigende Raketen in der Nacht vom 11. auf den
12. September den Wienern die nahe Hülfe an.

Mit den ersten Strahlen der ausgehenden Sonne zog die ver-
einigte Armee der Deutschen und Polen vom Kahlenberge bei Wien
herab, um sich auf der Wahlstatt zu sammeln, nachdem auf dem
Altäre des Leopoldberges die heilige Messe gelesen war, wobei der
tapfere Polenkönig selbst am Altäre diente. Das Oberkommando
wurde dem König von Polen, Johann III., Sobieski, als erfahrenem
Türkenbesieger übergeben. Der Herzog von Lothringen befehligte an
der Spitze der deutschen Truppen den linken Flügel und den Mittel-
punkt, den rechten bildeten die Polen. Fünf Kanonenschläge gaben
das Zeichen zur Schlacht, die bis zum Nachmittag dauerte und mit
vollständiger Niederlage der Türken endigte. Das reiche Lager der
Feinde wurde Beute der Sieger und Wien befreit.

Der Künstler entrollt ein großartiges Gemälde von der Schlacht
und führt den Beschauer mitten in das wilde Durcheinander hinein.
Es schildert die Haupt-Attaque der Polen auf dem rechten Flügel.
Die Husaren Sobieski's in ihrer phantastischen Uniform sprengen mit
vorgelegten Lanzen, an denen lange Bänder flattern, mit dem Rücken-
schild, den sogenannten „Flügeln" versehen, gegen die verzweifelt sich
wehrenden Türken. Unter den Tönen des polnischen Lobgesangs
rennen die begeisterten Truppen im geschlossenen Kavallerie-Angriff
Alles nieder, was sich ihnen entgegenstellt. Die Massen der Janit-
scharen sind überrumpelt. Ueber Verwundete und umgerannte Türken-
zelte dringen sie unaufhaltsam vor, um ihrer Aufgabe nachznkommen,
den linken Flügel der Feinde zu durchbrechen, den türkische Spahis
zu halten suchen.

Den polnischen Husaren stehen die türkischen Reiter gegenüber,
welche vor der unabsehbaren Masse von Zelten Aufstellung genommen
haben. Ein großer Theil der Feinde ist bereits in wilder Flucht
begriffen. Links sind Janitscharen eingeschlossen, die sich vergeblich
durchzubrechen suchen. Das glänzende, golddurchwirkte Zelt Kara

Mustapha's sinkt, niedergerannt, mit Halbmond und Roßschweif zur
Erde. Anch im Mittelgründe wogt wilder Kampf. Es sind die
Bayern und die österreichische Kavallerie, welche die neu errichteten
Türkenschanzen stürmen, von denen die Kanonen ihre Geschoffe sen-
den. Im linken Flügel, der sich näher nach Wien zieht, kämpfen
die deutschen Truppen. Landschaftlich wird das Bild eingefaßt vom
Kahlenberge, der sich links im Bilde erhebt, an seinem Fuße die
Waldungen von Dornbach. In den Vorstädten wird ebenfalls ge-
kämpft, während sich in der Ferne in majestätisch langem Kontur
die von der Nachmittagssonne glänzend beleuchtete Residenz hinzieht,
überragt vom Stephansdom.

Da das Gemälde keine einzelne Episode mit wenigen Figuren,
sondern einen Massen-Angriff schildert, ist es nothwendig, daß der
Beschauer die Situation kennt, zumal ihm die phantastischen, aber
durchaus historischen Uniformen der Sobieski-Husaren nicht bekannt
sein dürften. Hat er sich aber erst in die Scene versetzt, so wird
er das Gemälde ohne weiteren Kommentar klar verstehen. Brandt
hätte sich die Arbeit viel leichter machen können, wenn er etwa So-
bieski mit seinem Generalstab in den Vordergrund, die Schlacht aber
mehr in den Mittelgrund des Bildes komponirt hätte. Damit hätte
aber keineswegs das Bild den jetzigen, in jeder Hinsicht höchst
bedeutenden Eindruck erreicht.

Das Gemälde enthält eine Unmasse Figuren, unter denen nicht
eine einzige Wiederholung in der Zeichnung zu sehen ist. Trotzdem
herrscht in dem wilden Schlachtgetümmel künstlerische Einheit, be-
herrscht von den Gesetzen höchster Harmonie. Namentlich ans der
türkischen Seite hat der Künstler einen märchenhaften Farbenreichthum
zur Geltung gebracht, ohne dabei in die naheliegende Gefahr der
Buntheit zu gerathen. In der Komposition fehlt der konventionelle,
akademische Aufbau, das müssen wir aber gerade als einen großen
Vorzug im Bilde aufstellen. Wie Komposition und Auffassung durch-
aus selbstständig sind, ebenso originell sind Kolorit und Vortrag.
Brandt beherrscht die Farbe, wie kaum ein anderer lebender Künstler.
Die koloristische Zusammenstimmnug der Figuren ist geradezu meister-
haft, nicht minder der prachtvoll gemalte landschaftliche Theil mit
dem klaren Nachmittagshimmel. Durch die Kostüme und Armaturen,
bei denen der Künstler fast ausschließlich nur echte Muster benutzte,
hat das Bild zugleich ein hervorragendes, archäologisches Interesse.
Joseph Brandt, ein geborener Warschauer, ist Schüler von Franz
Adam in München. Vorher besuchte er die Ecole centrale in Paris.
Seit 1863 lebt er in München und ist dort seit vier Jahren selbst-
ständig. Er zog zuerst die Aufmerksamkeit der Kunstwelt vor einigen
Jahren auf sich durch sein Gemälde „Uebergang polnischer Truppen
unter Wojewod Stephan Czarnetzki auf die Insel Alfen", das sich
im Besitze der Akademie der bildenden Künste zu Wien befindet.

„Die Schlacht bei Wien" übte auf Künstler und Laien wäh-
rend der Ausstellung im münchener Kunstverein eine Anziehungskraft,
wie sie seit Makart's Ausstellungen kaum dagewesen und wie sie
nur ein epochemachendes Werk auszuüben im Staude ist. Und zu
einem solchen zählen wir es; es ist ein Werk für alle Zeiten.

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