Eggers, Friedrich   [Hrsg.]
Deutsches Kunstblatt <Stuttgart>: Zeitschrift für bildende Kunst, Baukunst und Kunsthandwerk ; Organ der deutschen Kunstvereine &. &. — 8.1857

Seite: 277
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lerischen Stechern nach Rubens und seiner Schule, Vorsterman,
S- Bolswert, Paul Pontius, C. van Daten rc., und, wenn
schon nicht in dem Grade, ron den eleganten und feinen Stechern
der französischen Schule, einen: Audran, Nanteuil, Massen,
Drevet rc. Auch die trefflichen, hier eingreifenden deutschen Stecher,
Edelink und Wille, sind sehr wohl bedacht. Daß hier die ganze
englische Schule von Hogarth, Strange, Woollett, bis auf die
neueste Zeit eines Doo, Wilmore rc., hier in der seltensten Voll-
ständigkeit und Vollkommenheit vorhanden ist, bedarf kaum bemerkt
zu werden. Aber auch alle die großen neueren Stecher der verschie-
denen Nationen des Continents, von Rafael Morghen bis ans die
setzt auf der Höhe ihrer Kunst stehenden, sind aus das Glänzendste
besetzt. Ich bemerke hier nur, daß von Müllers Stich nach der
Madonna di San Sisto hier vier verschiedene Abdrücke, von dem
ersten Aetzdruck bis zu dem Probedruck der vollendeten Platte, und
wieder von letzterem zwei Exemplare vorhanden sind.

Eine der anziehendsten Abtheilungen der Stiche, bilden die Ra-
dirungen der großen Maler- Den Reihen eröffnet hier Dürer mit
Abdrücken von seinen wenigen Radirungen, wie sie nur sehr selten
Vorkommen. Besonders, bewunderungswürdig ist die heilige Familie.
Nur aus solchen Abdrücke!: kann man sehen, in welchem hohen
Grade er sich die Vortheile dieses damals ganz neuen Verfahrens
angeeignet hatte. Den Glanzpunkt bilden hier aber die Radirungen
des Rembrandt, von dem vorzugsweise aus der Sammlung des
Herzogs von Buccleuch eine Reihe von Abdrücken der schönsten und
seltensten Blätter vereinigt sind, wie nur wenige der ersten Kupfer-
stichkabinette in Europa sie ausweisen können. Manche Blätter,
z. B. die Flucht nach Aegypten, sind hier in den verschiedensten
Ständen der Abdrücke vorhanden. Christus, der die Lahmen heilt,
das sogenannte Huudertguldenblatt studet sich hier aus der Samm-
lung von Sir E. Price auf chinesischem Papier in dem ersten Stande
der Platte von der seltensten Kraft, Klarheit und Wärme. Daß
hier der Bürgermeister Six, die drei Bäume, Rembrandts Mühle,
der van Tolling, der alte Haaring, Ephraim Bonus, der Goldwä-
ger und das Portrait von Coppeuol nicht fehlen, versteht sich von selbst.

Die Anzahl der Blätter des Hollar ist zwar, besonders im
Verhältniß zu der erstaunlichen Masse des von ihm vorhandenen,
nur mäßig, indeß doch ausreichend, eine Vorstellung von seiner Treff-
lichleit und Vielseitigkeit zu geben. So findet sich ein trefflicher
Abdruck seines Blatts der Königin von Saba vor Salomo nach der
geistreichen Composition von Holbein, sein Becher, angeblich, doch
irrig, nach Mantegna, seine Ansicht des Doms von Antwerpen, und
auch einige Blätter mit Motten und Schinetterlingen.

Von den anderen berühmten Radirern der /holländischen Schule
ist vor alle:: Adrian Ost ade, sowohl in Rücksicht der Wahl der
Blätter, als der Abdrücke gut vertreten. Ich nenne hier nur seine
Sänger unter dem Fenster, seinen Charlatan und seine beiden Bau-
ernseste. Nächstdem sind Potter, Berchem, Dujardin und Jo-
hann Heinrich Roos hervorzuhebeu. Everdingen, und nächst
ihm Waterloo, sind ungenügend vertreten.

Bei den, Blättern in schwarzer Kunst führe ich nur an, daß
sich die so seltnen Blätter des Erfinders derselben, Ludwig v. Sie-
gen und der ersten Arbeiten darin nach ihm, des Prinzen Rupert,
des F. Caspar Fürstenberg, des Johann Thomas, hier in selt-
ner Zahl vorfinden. Daß die außerordentlichen Leistungen der. Eng-
länder in dieser Kunst in den letzten dreißig Jahren hier vorzüglich
besetzt sind, bedarf wieder kaum gesagt zu werden. Besonders in-
teressant ist die Sammlung von Blättern des berühmten Turners

" • (Schluß folgt.)

r ' ' * ^ * 4 i

Vortrag in der Inhressihung der Königl. Akademie
der Künste.,u Berlin, am 21. Mi 1857

i von G. H. Toelken.

Unvorgesehene und unabwendbare Zwischenfälle haben die öffent-
liche Jahressitzung der Akademie, welche in den Frühlingsmonaten
hätte stattfinden sollen, in diese spätere heißeste Sommerzeit gedrängt,
was mir die Pflicht anferlegt, die ohnehin durch die Ueberreichung
der von dem akademischen Senate zuerkannten Prämien sich verlän-
gernde heutige Versammlung nicht durch einen ausgedehnten Vortrag
lästig zu machen.

Völker und Zeitalter haben eine merkwürdige Neigung, mit sich
selber zufrieden zu sein. Mit Wohlgefallen gedenkt ein gebildetes
Volk der Erfindungen, die bei ihm gemacht worden, der Meister der
Wissenschaft und Kunst, die aus seiner Mitte hervorgegangen sind,
wie seiner Helden und gewonnenen Schlachten. Jeder Einzelne
rechnet einen Theil dieser Ehren seines Volkes sich selber an, indem
er dessen Ruhm dem Auslande mit Stolz und Selbstgefühl gegen-
über stellt. In derselben Art blickt jedes Zeitalter auf die nächst-
vorhergehenden zurück, deren Standpunkte für überwunden gelten,
weil sie nicht mehr die der..Gegenwart sind, und das neue aus sehr-
natürlichem Grunde immer auch als Fortschritt gedacht wird, indem
der Geist des Erfindens und Weiterstrebens in einer lebenskräftigen
Zeit nie ausruht oder stille steht. Allein auch hier sind es einzelne
schaffende Talente, denen jedes Menschenalter diese Selbstzufrieden-
heit verdankt,- wenige Einzelne, deren Leistungen zunächst ihren Zeit-
genossen zu gute kommen oder eine Aussaat bilden für zukünftige
Geschlechter.

Indem der Staat diese hervorragenden Geister in Akademien
der Wissenschaften und der Künste vereinigt, und ihnen die Leitung
dieser höchsten Interessen der.Menschheit anvertraut, erfüllt er eine
Pflicht der edelsten Selbsterhaltung,- der Sorge für die Ehre der
Gegenivart und der noch wichtigeren für das Fortgedeihen der Fol-
gezeit, damit die lebendige Tradition höherer menschlicher Bildung
nicht abreißt. Eben dadurch wird aber auch diesen bevorzugten In-
stituten die Verpflichtung anserlegt, Rechenschaft zu geben über die
Erfüllung ihres wichtigen Berufes, durch Andeutung der Leistungen
derjenigen ihrer Mitglieder, die noch vor Kurzem in ihrer Mitte
wirkten, und durch anerkennende Belohnung gelungener Arbeiten
ihrer Schüler, um diese zu ferneren Bestrebungen aufzumuntern.
Dies ist der Zweck der heutigen akademischen Jahressitzung/ welcher
diese hochgeehrte Versammlung ihre geneigte Gegenwart hat schenken
wollen, und der die Wände dieses Saales und der anstoßenden
Zimmer bedeckenden Ausstellung von Schülerarbeiten.

Seit der letzten ähnlichen Sitzung am 21. Juni v. I. verlor
die Akademie neun ihrer Mitglieder, eine größere Anzahl, als jemals
in Einem Jahre ihr geraubt wurde, darunter fünf einheimische und
drei auswärtige ordentliche und ein Ehren-Mitglied.

Am 18. September v. I. starb der Königl. Baurath und Pro-
fessor an der Bau-Akademie Hierselbst, Friedrich Wilhelm Ludwig
Stier, geboren den 8. Mai 1799 in der damaligen Provinz Süd-
preußen, in dem polnischen Städtchen Blonie bei Warschau, wo sein
Vater preußischer Regierungsbeamter war und 1806 mit ihm von
dort nach Glogau zog. In seinem 12ten Jahre zu Verwandten
nach Berlin gesandt, vollendete er hier 1817 seine Studien auf
der Bauakademie, wurde dann als Bau-Conducteur in der Rhein-
provinz beschäftigt und ging 1821 nach Paris, dann nach Italien
und Rom, von wo er seine Reisen bis. nach Sizilien ausdehnte.
Erst 1827 nach Berlin zurückgekehrt, wurde er Lehrer, an. der Kö-
niglichen Bauakademie und an: 13. März 1841 ordentliches Mit-
glied der Akademie der Künste, indem neben- der Lehrthätigkeit zahl-
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