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Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 19.1906-1907

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DIE DEUTSCHEN KUNSTGEWERBE-SCHULEN

UND DER DRITTE INTERNATIONALE KONGRESS ZUR FÖRDERUNG DES
ZEICHEN-UNTERRICHTES IN LONDON 1908.

Der erste internationale Kongreß zur Förderung
des Zeichen-Unterrichtes fand auf Anregung
der Herren Guebin, Hauptzeicheninspektor des
Seinedepartements und Leon Franken, Zivil-
ingenieur und Vorsitzender der Pariser Zeichen-
lehrer-Vereinigung, im September 1900 anläßlich
der Weltausstellung in Paris statt. Vertreten waren
Belgien, Bulgarien, Cuba, Ecuador, England, Japan,
Luxemburg, Oesterreich-Ungarn, Mexiko, Rumä-
nien, Rußland, Schweiz und die Vereinigten
Staaten von Nordamerika. Man hat von diesem
ersten Kongreß wenig gehört, und er hat auch
wenig Positives geleistet. Sein Hauptverdienst
war die Einsetzung einer internationalen Kom-
mission zur Vorbereitung weiterer Kongresse.

Der zweite Kongreß tagte vom 3.-6. August
1904 in Bern. Er verlief äußerlich im höchsten
Grade imposant, war von einer instruktiven und
reichhaltigen Ausstellung von Schülerzeichnungen
und Lehrmitteln begleitet und von über 800 Fach-
leuten besucht, von Pädagogen, Künstlern und
Schriftstellern, darunter befanden sich viele von
ausgezeichnetem Rufe. Man kann wohl sagen,
daß sich in Bern die Elite derjenigen Personen
ein Stelldichein gegeben hatte, die sich berufsmäßig
oder aus Liebhaberei mit der künstlerischen Er-
ziehung der Jugend und mit der Ausbildung von
Berufskünstlern befassen.

Merkwürdigerweise war von den größern Kultur-
staaten das Deutsche Reich am schwächsten
vertreten. Ganz auffällig zeigte sich das in der
Zeichenausstellung. Die deutschen Kunstschulen
glänzten durch Abwesenheit und die übrigen
deutschen Schulen konnte man an den Fingern
herzählen. Zum Glück erregte das anwesende
Seminar Dresden — Plauen, dessen Zeichen-
unterricht unter Leitung des Oberlehrers Klßner
steht, allseitige Bewunderung. Aber eine Schwalbe
macht noch keinen Sommer, und man konnte
denn auch aus den Aeußerungen der fremden
Kongressisten und den Stimmen, die später in
ausländischen Fachschriften, namentlich in fran-
zösischen, über die Ausstellung laut wurden, deut-
lich das Erstaunen des Auslandes über den vermeint-
lich tiefen Stand des deutschen Fachunterrichtes
heraushören. Die Zurückhaltung Deutsch-
lands war um so mehr zu beklagen, als das
Ausland, wie gesagt, die hervorragendsten seiner
Kunsterzieher nach Bern gesandt hatte, auf deren
Urteil man daheim Gewicht legt.

Wie es im gewöhnlichen Leben niemandem zum
Vorteil gereicht, wenn andere über ihn geringer
denken als er ist, so tut es auch im Leben der

Völker nicht gut, wenn die innere Kraft eines
einzelnen Volkes dauernd von seinen Nachbarn
unterschätzt wird. Unter gewöhnlichen Verhält-
nissen hat ein solches Vorurteil, da es unwill-
kürlich von einem Gebiet auf alle möglichen
andern übertragen wird, allerlei nationalöko-
nomische Nachteile zur Folge. So zieht
zweifellos die Unterschätzung des deutschen Kunst-
schulwesens eine Unterschätzung des deutschen
Geschmackes und der deutschen kunstgewerblichen
Erzeugnisse nach sich. Aus diesem einfachen Grunde
ist eine weitere Zurückhaltung der deutschen Kunst-
schulen gegenüber internationalen Kongressen zur
Förderung des Zeichenunterrichtes und internatio-
nalen Schulausstellungen nicht recht am Platze.
Angesichts des bevorstehenden dritten Kongresses
erschien es mir angebracht, die Aufmerksam-
keit unserer Kunstschulleiter auf diese Ange-
legenheit zu lenken.

Der dritte internationale Kongreß zur
Förderung des Zeichenunterrichtes steht vor der
Tür. Er soll im Jahre 1908 in London stattfinden.
Es hat sich bereits ein vorläufiges Organisations-
komitee gebildet, dasselbe ist am 7. Juli in London
zu einer Beratung zusammengetreten und hat unter
anderm den Beschluß gefaßt, den Kongreß mit einer
internationalen Ausstellung von Schüler-
arbeiten der Volksschulen, Mittelschulen,
technischen Lehr-Anstalten und Kunst-
schulen zu verbinden. Unter den Mitgliedern
des Komitees und den Unterzeichnern des bereits
publizierten Aufrufes befindet sich eine so große
Anzahl von Vertretern des englischen Geistesadels,
namentlich der Kunstschulen und Universitäten,
daß an dem Zustandekommen einer glänzenden
Ausstellung kaum gezweifelt werden kann. Jeden-
falls ist nach dem Vorspiel in Bern anzunehmen,
daß Amerika und Frankreich und selbstverständ-
lich auch England alle Kräfte daran setzen werden,
mit Ehren aus dem Wettkampfe hervorzugehen.

Will Deutschland sich an der Ausstellung
beteiligen, so hat es alle Ursache, sich beizeiten
und sehr sorgfältig vorzubereiten. Die Direktoren
unserer Kunstschulen werden gut tun, so bald
als möglich mit einander in Verbindung zu treten,
um Stellung zu der Sache zu nehmen. Jeden-
falls ist vor vereinzeltem Vorgehen, vor Zer-
splitterung der Kräfte zu warnen. Es dürfte sich
für die Herren empfehlen, noch während der
Tagung der dritten deutschen Kunstgewerbe-
Ausstellung in Dresden zu einer vorbereitenden
Beratung zusammenzukommen, da gerade die
»Dresdener Ausstellung« augenblicklich eine selten

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