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Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 19.1906-1907

Seite: 54
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ÜBER DAS WESEN DES ORNAMENTES.

Das gemeinhin als Kunstgewerbe be-
zeichnete Handwerk befindet sich
heute vielfach in mißlicher wirtschaftlicher
Lage, während die Gewerbekunst selber
einen entschiedenen Besserungsprozess
durchmacht. Für den Kunstgewerbler ist
es deshalb begreiflicherweise oft schwer,
diese letzte Tatsache anzuerkennen. Sieht
er doch in den Bestrebungen, die diesen
Besserungsprozeß ausdrücken, etwas ihm
Feindseliges. Sie gehen darauf aus, das
künstlerische Kleine an dem Gebrauchs-
gegenstande zu beseitigen und erklären
allein den nackten Zweck- und Konstruk-
tionsstil für schön. Man hat demgegen-
über den vermittelnden Satz aufgestellt:
Der Kunstgeschmack bewegt sich in einer
Wellenlinie; auf die Tiefe der Konstruk-
tionsform folgt die Höhe des Ornamentes.

In Hinsicht auf die äußerliche Erschei-
nungsweise stimmt die Darstellung. Aber
sie läßt den innerlichen Vorgang unbeachtet
der diesem Äußerlichen zugrunde liegt und
als die eigentliche Macht, mit der hier zu
rechnen ist, gelten muß.

Diesen innerlichen Vorgang erkennt
man, wenn man über die Frage: Was ist
eigentlich ein Ornament? — nachdenkt.

Unsere Zeit sucht die nackte Zweck-
form, den konstruktions-, material- und
zweckgerechten Gebrauchs-Gegenstand!
Äußerlich scheint es, als tue sie es einer
Mode zuliebe. In Wirklichkeit aber sucht
sie eben dadurch — das Ornament.

Daß diese Bemühung uns in Gestalt
eines Dogmas entgegentritt, wird ver-
ständlich, wenn wir bedenken, daß die
hohle Despotie des wesenlosen Ornamentes
eine extreme Gegenwirkung natürlich
zeitigen mußte. Im Grunde genommen
gilt ihre Feindschaft nur dem unwahren

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Ornamente, dem zwecklosen Schmucke.
Das gesunde Ornament ist als gesteigerter
künstlerischer Ausdruck kein Gegensatz
zur wirklichen Zweckform. Denn die ist
schließlich nichts anders, als der ange-
messene künstlerische Ausdruck für die
primitive Ästhetik in dem Zwecke, dem
der Gegenstand dienen soll.

Jede ästhetische Anforderung an die
Benutzungsart, die der Mensch sich selber
auferlegt und die lediglich Äußerung seines
wachsenden Persönlichkeitswertes ist, zieht
eine ästhetische, also künstlerische Be-
handlung des Gegenstandes selber nach
sich. Je kultivierter der Mensch, je ge-
hobener seine Lebensweise. Und diese
diktiert ja den Zweck, dem die Dinge
dienen. Je geläuterter die Lebensweise
ist, je mehr also ist auch der Zweck ein
geläuterter, — je edler muß demnach auch
die Zweckform des Gegenstandes sein.

Auch die geschmückte Form ist so eine
dem geläuterten Zwecke entsprechende
geläuterte Zweckform, seine ihm zukom-
mende Form; eine andere würde unzweck-
mäßig sein. Schmuckform und nackte
Zweckform sind also durchaus nicht etwa
Gegensätze. Und aller Streit, welche von
beiden die »richtige« sei, ist völlig über-
flüssig.

Als das Ornament zuletzt bei uns
herrschte, da ruhte unter ihm nicht die im
Wesen schon künstlerische nackte Zweck-
form. An Zweck-, Konstruktions- und
Materialgerechtigkeit sowohl wie an Wahr-
haftigkeit ließen die Gebrauchsgegenstände
so gut wie alles zu wünschen übrig.
Logischerweise konnte auch die Orna-
mentik — die doch Teil einer entwickelten,
gesunden Zweckform sein sollte — trotz
aller Mühe des Kunstgewerblers im Grunde
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