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Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten — 19.1906-1907

Seite: 513
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Zur Entwicklung des modernen Wohnhauses.

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A. WEISSGERBER—MÜNCHEN.

dazu einlud, entstanden auf Hügeln und Bergen
moderne Villen und Schlösser mit Zinnen und
Türmen und allen Zutaten einer echten Ritterburg.
Das war freilich ein Spielen mit den Äußerlich-
keiten mittelalterlicher Baukunst, das mit den
eigentlichen Zwecken des Wohnens wenig zu tun
hatte. Es führte darum zu einem Widerspruch
von Form und Inhalt, der sich am Praktischen
rächte. Wie der Palazzostil der akademischen
Fassade, so opferte der Burgenstil der malerischen
Gruppe die Vollkommenheit der inneren Anlage.
Durch das Aufbauen zweckloser Türme, un-
benutzbarer Erker und dergl. wurden die Grund-
risse unnötig zerstückelt, mit Raum und Material
eine zweckwidrige Verschwendung getrieben. —
Viel tiefer faßte das Wesen mittelalterlicher
Baukunst die neue Bewegung, die seit den
neunziger Jahren eine künstlerische Reform des
modernen Stadthauses einleitete. Auch sie
fand in der freien Gruppierung die beste Form
des Wohnhauses. Aber sie suchte dabei den
gesetzmäßigen Zusammenhang zwischen Form
und Inhalt. Die malerische Erscheinung, die
sich aus der Unregelmäßigkeit ergab, war an
den alten Bauwerken keine ästhetische Willkür,
sondern die logische Folge des Bauens von innen
heraus gewesen. Das sollte künftighin auch für
das moderne Wohnhaus maßgebend sein: zuerst

Zur Entwicklung des modernen
Wohnhauses.

VON KARL WIDMER—KARLSRUHE.

Es war einer der schwersten Verluste fiir
unsere künstlerische Kultur, daß die Fassaden-
architektur des neunzehnten Jahrhunderts die
beiden Charakterformen des bürgerlichen Wohn-
hauses, die uns unsere Vergangenheit im Bürger-
haus des Mittelalters und im Biedermeierhaus
überliefert hat, in ihrem künstlerischen Wert ver-
kannt hat. Durch die Nachahmung des Palazzo-
stils wurde die bürgerliche Baukunst auf den
Boden einer aristokratischen Repräsentationskunst
gestellt. Statt Bürgerhäuser zu bauen, kopierte
Palastfassaden im Äussern und Palastsäle im Innern.
So ging uns der Stil des echten Bürgerhauses
verloren, und es gehört zu den wichtigsten Kultur-
aufgaben unserer Zeit, durch die Anknüpfung an
die vorbildliche Überlieferung bürgerlicher Kunst
wieder den Boden für die Entwicklung eines
modernen Bürgerhausstiles zu schaffen.

Auf einem Gebiet des Häuserbaues war die
Architektur schon seit der Mitte des neunzehnten
Jahrhunderts Wege gegangen, die von der Nach-
ahmung des Palazzostils wegführten: im Schloß -
bau. Hier bekam der mittelalterliche Burgenbau
einen entscheidenden Einfluß. Namentlich da,
wo der romantische Charakter der Landschaft

H. BEK-GRAN—NÜRNBERG. Druck: Vereinigte Drucketeien
vorm. Schöll & Maison—München.

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