Fliegende Blätter — 16.1852 (Nr. 361-384)

Seite: 54
DOI Heft: DOI Seite: Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/fb16/0054
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen Nutzung / Bestellung
facsimile
Lavagluthen.

(Schluß.)

54

IY.

Es schlafen träumend alle Pflanzen,

Da kommt die Nacht heroisch mild
Und schleudert ihre Strahlenlanzen —

Die Sterne, auf der Erde Schild.

Die Berge eine Wiege breiten
Um ihr geliebtes Thaleskind,

Und rauschend spielt auf Tannensaiten
Sein dunkles Nachtgebet der Wind.

Da bebt sich in der Wellen Schooße
Geheimnißvoll die Nixe — Schmerz
Und schleudert eine weiße Rose,

Den Schaum der Welle uferwärts.

V.

Schön sind im Felsgebirg die Antilopen
Doch schöner sind die Augen der Geliebten,
Wenn sie, zum Licht gewandte Heliotropen,

Auf meinem Antlitz flücht'ge Hochjagd übten.

Nehmt mir die Welt mit ihrem Lügenglanze
Und laßt mir nur der Blicke Demantbande,
Dann bin ich glücklich, wie die Tropen-Pflanze,
Die einsam aufgeht an dem Meeresstrande.

VI.

Heb' o liebliche Blondine
Von dem Auge die Gardine
Deiner Wimper freundlich auf —

Ans der Sehnsucht dunklem Strauche
Schaut zu Dir mein wirres Auge
Wie zu hohen Thurmes Knauf.

Ach der Wehmuth Krokodile
Tauchen aus des Herzens 'Nile
Zähnebleckend zu mir auf! —

Bis Du freundliche Blondine
Von dem Auge die Gardine
Deiner Wimper hebest auf. —

Einsam an den augenblauen See,

Mild umschlossen von des Lebens Bäumen,
Schlendert meiner Wehmuth stilles Reh
Durch das Moos in selbstbewußten Träumen.
Meiner Augen Doppelflinte zielt

Auf das Hochwild waldesfrommer Liebe,

Aber wie der Wind im Laube spielt.

Furchtlos beben meine Treibertriebe.

Wedelnd nur im abendkühlen Grund,

Folgt dem Jäger mit dem müden Gange,

Treu am Fuße der Gedankenhund,

Wie der Donner folgt der Blitzesschlange.

Was soll mir noch des Trostes Rosinante —

Der Klepper mit dem traumgefügten Zügel
Der ich gewandelt in's Exil wie Dante;

Nur die Verzweiflung ist mein Geistesflügel.

Ich wandelte ein stolzer Miffisippi
. Und einem Zuge gleich nach Palästina —

Doch ach! der Brutus — „Muth" fand sein Philippi
Und eine Mauer trennt der Liebe China.

Es thürmt sich meiner Wehmuth Chimborasso —

Doch unbewußt des liebeswunden Dranges
Singst du — das Lied des herrlichen Gesanges —
Dein freies Herz — Jerusalem — ein Tasso!

Doch einfach wie dereinst Orlando Lasso
Und orgeltönig tönt mein Lied, mein banges —

Es windet sich wie krumme Fluth des Ganges
Und rufet blutend über deinen Haß: „oh!"

Denn von mir kehrte sich die Göttin Freia
Und einsam wie das Küstenland Misuri's
Dehnt sich mein Leid, ein dunkles Himalaia;

Dann wieder lacht des Spottes tolle Houris,

Und ruft mir zu: „sei lustig, eia! eia!" —

Bis mir der Schmerz den Vorhang wieder zuriß.

X.

Mein Herz schlägt wie die Nachtigall,

Ich selber gleich dem Rosenstrauche,

Der ich bewegt von ihrem Schall,

Vergänglich meine Düfte hauche.

Du bist das volle Mondenlicht,

Das mich mit leisem Strahle tobtet —

Ein Schäfer doch ist mein Gedicht,

Der einsam mit sich selber flötet! —

XL

Ach! meine Liebe war ein neugcbornes Kind,

Du aber grausam wie Herodes,

Sprachst zu dir selbst in deinem Haste blind:

„Die Kinder alle sei'n des Todes."

Da liegt es nun zu deinen Füßen todt.

Das noch kein Stücklein aß des Lebens-Brodes,
Doch flucht die Wunde dir, ein Mund so roth:

„Weh über dich, du weiblicher Herodes!"

XII.

Mein Lied war ein gekrümmter grüner Stab —

Doch fordert sich das Volk stets neue Zeichen —

So iverf ichs denn zur Erde kühn hinab
Und eine gistge Schlange wird es schleichen!

Dann wieder schlug ich an des Herzens Stein
Und reines Wasser tvird zur Erde brodeln —

Ihr aber schaut der Wunder hellen Schein
Und wollt euch doch nicht meinen Formen modeln!

Ich strecke meine Hände mächtig aus —

Ihr aber seid ungläubig, wie Aegypten;

So bleibe denn mein feurig Lied zu Haus,

Und diene künftig wärmer der Geliebten!

Der Schleichhändler.

Zu Ende des vorigen Jahrhunderts lebte zu Brianyon ein
Juwelier, Namens Cal're, der eine besondere Geschicklichkeit darin
besaß, verbotene Maaren zu sich gelangen zu lassen. Die Zoll-
beamten mochten noch so sehr ihre ganze Wachsamkeit aufbieten
und Tag und Nacht auf ihrer Hut sein, allemal wußte er sie
zu täuschen. Sie gaben sorgfältig Acht, wenn er aus der Stadt
ging, sie standen ihm bei der Rückkehr auf den Weg und den
loading ...