Fliegende Blätter — 184.1936 (Nr. 4718-4743) = 92. Jahrg.

Seite: 242
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ÄbV QBltj Von Dirks Paulun

Nach dreizehn Jahren, sechs Stunden und fünf Minuten — wir
saßen beim Kaffee — besuchte mich der Primus, Lans Wagner.
Wie kam er dazu?

Es stellte sich heraus. Er hatte ein Anliegen!

„Paulun!" sagte er kichernd, „mir ist ein Witz eingefallen. . ."

Meine Frau hatte ihm leider Kuchen angeboten. Wir warfen
den schweren Menschen über die Chaise, sprangen auch darauf und
hoben jeder an einem seiner Beine. Endlich stand er auf dem Kopf.
Wir hatten ihn vom Erstickungstode gerettet.

„Dank! Dank!" sagte er, „es tut mir leid, dir und auch Ihnen,
liebe gnädige Frau, solche Aufregungen zu verursachen. Aber ich
darf hoffen, daß ich euch ge-
wiffermaßen dafür entschä-
digen kann. Ich bringe dir
nämlich eine Anregung, die
eigentlich unbezahlbar ist."

„Sei vorsichtig I" ermahnte
ich ihn, „Witze erzählen ist
eine schwierige Kunst. Das
will gelernt sein! Es kann
auch gefährlich werden!"

„Nein — oh nein!" ver-
wahrte er sich, „es ist ein
ganz harmloser Witz!"

„Das will ich hoffen —
ich meinte nur, daß du dich
nicht wieder verschlucken
sollst!"

„In dieser Beziehung ist
er allerdings . . ."

Mein guter Primus gluck-
ste wie ein toller Frosch-
könig, suchte sich mit Kaffee
zu beruhigen, verschleuderte
diesen dann aber auf die
frische Linnendecke.

„Nichts passiert!" ächzte
er fröhlich, „aber ich möchte
euch dann doch empfehlen,
vorher den Mund leer zu
effen und möglichst alle
Kuchenkrümel mit Kaffee
hinunterzuspülen."

Er machte es uns vor, es
ging gut ab, wir käme» nach,
und er forderte:

„Nun haltet euch an den
Stühlen fest, wenn ihr so
gut sein wollt!"

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„Wir sind ziemlich abgebrüht!" sagte meine Frau.

„Na, na!" drohte der Primus schalkhaft.

„Wenn es also sein muß ..." sagte ich, und wir griffen unter uns.
„Kommt da doch . . ." begann der Primus.

„Nein! Nein!" schrie meine Frau entsetzt, „hört sich da doch
etwas scheußlich an! Waren da doch einmal Leutnants im Kaiser-
reich! Kommt da doch! — Sie haben da doch sicher eine Eins in
Deutsch gehabt! Dann fangen Sie da doch bitte in schlichtem
Deutsch an!"

Der Primus öffnet den Mund, sah mich fragend an, schloß
den Mund, faltete die Lände, öffnete den Mund und sagte: „Zu
einem Arzt kam ein Mann und fragte ihn: ,Zst es wahr, Lerr

Doktor, daß Menschen von
den Affen abstammen ?' —
Da sagte der Arzt: ,Mein
Lieber ..."

Es brach ein großes Ge-
lächter aus — der Primus
brachte es ganz allein her-
vor, aber es war ein Lachen,
das für drei Erwachsene
reichlich genügte. Als es
vorüber war, griff er wieder
einmal nach der Kaffeetasse
— diesmal sprudelte er einen
Kuhschluck über sich selber.
Er sprang auf, wischte sich
mit einer fremden Serviette
den immer noch hüpfenden
Bauch und die schwarzen
Schuhe ab und fiel doch im-
mer noch von einem jauch-
zenden Erstickungskrampf in
den andern. Aber dazwischen
fand er noch Atem, mir mit-
zuteilen, daß ich diesen Witz
einschicken müßte, per Eil-
boten . . .

„Wagner!" sagte ich ernst-
haft, „das widerstrebt mir!
Der Witz ist nicht von mir!
Den mußt du selber ein-
schicken I"

„Nein," riefer, „den schenke
ich dir! Es ist dein Witz!
Gefällt er dir etwa nicht?"

„Doch, er gefällt mir; aber
er kommt mir nicht ganz...
(Fortsetzung aus Sette 245)

„Liebling, wir können hier nicht mehr ungestört sitzen — der Chef
hat was gemerkt, du mußt heute mal ein Paar Schuhe kaufen."
Objekt
Titel: Fliegende Blätter
Detail/Element: "Ungestört sitzen"
Künstler/Urheber: Bauer, Max 
Inv.Nr./Signatur: G 5442-2 Folio RES
Aufbewahrungsort: Universitätsbibliothek Heidelberg 
Schlagwort: Karikatur 
Satirische Zeitschrift 
Herstellungsort: München 
Datierung: um 1936
Bildnachweis: Fliegende Blätter, 184.1936, Nr. 4733, S. 242
Aufnahme/Reproduktion
HeidICON-Pool: UB Fliegende Blätter 
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