Fliegende Blätter — 42.1865 (Nr. 1017-1042)

Seite: 26
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/fb42/0031
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
Facsimile
26

Farbige Stereoskopen aus Wien.

Um ihn nicht auf unnöthige Irrwege gerathen zu lassen,
melden wir dem Leser kurz und ohne Umstände, daß Emma
bei dem Selcher Schinkler das Engagement als Verkäuferin
seiner Erzeugnisse annahm.

Wir begreifen, daß diese Wahl etwas frappirt, da die
offenbar höher gehenden Pläne Emma's eine andere Richtung
erwarten ließen, und dieß um so mehr, als, was wir zu
erwähnen vergessen, Monsieur Schinkler eben so häßlich,
plump wie derb war — nach allen diesen Seiten hin hatte
er eine überraschende Aehnlichkeit mit seinem Bulldogg —
während sich unter den andern Bewerbern um Emma's
Freundschaft so manche hübsche Figur mit einschmeichelndem
Wesen befand.

Was zog Emma zum Flcischselcher?

Sein netter „ Steirerwagen/' an den zwei feurige,
ungarische Jucker mit lederfranstgem Geschirr gespannt waren.

Wie der Fleischselcher das letzte Mal bei Emma's
Milchstand in diesem Fuhrwerke angefahrcn kam, erschien er
ihr schön wie Adonis.

„Wenn ich die Stelle bei Ihnen annehme, ist es mir
erlaubt, mich dann und wann dieses herzigen Wagerls zu
bedienen?" fragte Emma mit leuchtenden Blicken den
Fleischselcher.

„Wann's Dir a Freud' macht, Madl, alle Tag'!"
erwiederte dieser.

Hierauf war der Bund geschlossen.

3.

Wurstfanatismus und Wettfahrt.

Seit Emma sich im Schinkler'schen Laden befand,
blühte das Geschäft wie nie zuvor.

Schier der gcsammten männlichen Bevölkerung jener
Vorstadt, in deren Rayon die Schinkler'sche Selcherei lag,
bemeisterte sich ein solcher Wolfshunger nach Schinken und
Würsten, daß man bereits anfing, den ganzen Bezirk ob
seiner Gefräßigkeit das „wilde" Viertel zu nennen.

Man that aber Unrecht, denn die Schinken und Würste,
die hier gekauft wurden, sind nur zum geringsten Theile
von ihren Käufern selbst verzehrt worden, der größere
Theil diente den Garyons unter den Letzteren dazu, ihren
Hunden sehr unerwartete Lebensfreuden zu verschaffen, während
die verheiratheten Besucher des Schinkler'schen Ladens zur
Ucberzeugung gelangt schienen, daß die vorwaltende Pflanzen-
kost, welche ihre Kinder genossen, durch Fleischspeisen in ge-
räuchertem Zustande ausgewogen werden müssen.

Es mag allerdings sein, daß dieser oder jener erpichte
Selchfleischfreund nicht blind war für die anmuthige Art,
wie die Verkäuferin ihre Kunden zufrieden stellte, aber das
ist kein Grund, deßhalb die humanen und familienväterlichen
Absichten der gesummten Kundschaft zu verdächtigen.

Gewiß indeß ist es, daß die Anwesenheit der neuen
Schinkler'schen Ladenverschleißerin nicht ohne Aufmerksam-
keit blieb.

Als endlich Emma von Zeit zu Zeit von der Erlaub-
niß Gebrauch machte, im Schinkler'schen Fuhrwerke durch
die Straßen zu kutschiren, was sie mit immer mehr ent-
wickelter Kühnheit that, so war sie, in ihrer Vorstadt wenig- .
stens, bald eine allgemein bekannte Persönlichkeit.

„Schaut, da fahrt die famose Selcheremma!" hieß es,
wenn sie wie ein kleiner Sturm in der Schinkler'schen
Vorstadtequipage herangesaust kam, und Monsieur Schinkler
fühlte sich durch diese Popularität, welche sein „Zeug!" er-
langt hatte, und mit auf ihn selbst überging, so sehr
geschmeichelt, daß er sich ernstlich mit dem Gedanken beschäf-
tigte, Emma nach dem Tode seiner Frau die Hand zu reichen.

Er drückte dieß in seiner Bulldoggwcise also gegen
Emma aus: „Wenn nur die Alte hin wurd'! Nachher

kunnten mir zwa a fesch's Paar werd'n!"

Aber trotz dieser verlockenden Schäfersprache sollte sich
Emma doch bald aus dem Schinkler'schen Kreise reißen.

Das entwickelte sich auf folgende Weise:

Schon mehrmals hatte Emma bei ihren Ferial-Fahrten
durch die Praterallee einen eleganten Fiaker bemerkt, der ihr
auf und ab folgte.

Ein Mal wollte ihr dieser Vorfahren.

Emma's „Kutschirgeist" konnte dieß nicht zulassen.

Sie ließ ihren „Juckern" die Zügel schießen, und der
Fiaker konnte sich nur mit Mühe mit ihr in einer Linie
erhalten.

Emma jauchzte innerlich über diesen halben Triumph.

Einige Minuten später jedoch schnalzte der Fiaker mit
der Zunge, wobei er sich möglichst schräge aus seinen Bock
schob und zugleich di: Zügel weit von sich hinaus hielt.

Ein Ruck, und der Fiaker gewann einen Vorsprung.

Mit jenem gutmüthig - spöttelnden Lächeln, wie es den
Wiener Fiakern eigen ist, sah der siegreiche Concurrent
Emma's ihr von seinem Bocke in's Gesicht, das vor Auf-
regung glühte.

Aber auch aus dem Wagensenster blickte ein Mann
auf sie heraus, dessen Lächeln jedoch das Lächeln herablassender
Huldigung zu nennen war.

Der Künstler dieses Lächelns — denn cs war offenbar
affektirt - gekünstelt — war ein noch ziemlich junger Mensch,
dessen Blässe und Schlaffheit der Gesichtszüge aber unver-
kennbare Zeichen eines hohen Grades von Abgelebtheit
lieferten. Sein mattes Auge sah lüstern durch das dicke,
viereckige Glas, welches in die Augenhöhle geklemmt war,
und Emma fühlte sich von diesem Blicke ungefähr berührt,
als wären ihre Finger unerwartet mit dem feucht-kühlen
Leibe eines Frosches in Berührung gekommen.

Sie fühlte sich also nicht berufen, diesen Blick zu er- !
widern.

Hatte sie doch auch gegenwärtig nur Augen für den
Fiaker, der ihr nun vorgcfahren war, und bald um einige
Pferdelängen weit vor ihr mit jener noblen Raschheit und :
eleganten Sicherheit dahinrollte, welche den Wiener Fiakcc
eben charakterisiren.
loading ...