Fliegende Blätter — 59.1873 (Nr. 1459-1484)

Seite: 145
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Wohnungsnot h.

Von Hugo Merlin.

An der ersten Straßenecke
eines kleinen Städtchens in
Bayern klebte ein geschriebener
Theaterzettel, welcher von der
dort hausenden Schauspieler-
truppc das Benedix'sche Lust-
spiel „Doctor Wespe" in fol-
genden Worten verkündete:
„Doctor Wespe! noch eine
Wespe! wieder eine Wespe!!
lauter Wespen!!! ein ganzes
Wespennest!!!!" Dann kamen
die Personen; nach denselben
die Preise der Plätze: 1. Platz:
nach Belieben, 2. Platz:
6 Kreuzer, 3. Platz: nach
Möglichkeit. — Der Schau-
platz ist im Rathhaussaal.

Kein Mensch kümmerte sich
um die ganze, schöne Reclame.
Es war im Monat Juli, den
Tag über hatte es fürchterlich geregnet, das ganze Städtchen
schien Ivie ausgestorben, die Sonne kam erst mit ihrem letzten
Strahle hervor und bildete noch zum Abschied einen pracht-
vollen Regenbogen, um den sich aber ebenfalls Niemand kümmerte;
Alles Ivie todt! Die einzige Bewegung in dieser langweiligen
Gasse ist das sich nach eigenem Willen verlaufende Wasser.
Da kam von der einsamen Heerstraße herein, langsamen und
wüden Schrittes, ein junger Mann, welcher ein Wachslein-
wandpacket unterm Arm trug. — Das war seine Bagage.
Das Wasser lief innen und außen an ihm herab, welches

theilweise in seinen Stiefeln auch wieder einen Ausweg fand,
und in diesem Zustande hatte er einen weiten Weg zurück-
gelegt. So schleppte er sich mühsam herein in das Städtchen,
— da fiel sein Blick auf den Comödien-Zettel an der Ecke, der
wie ein nasser Fetzen halb herabhing, und als wäre ein neues
Leben in ihm erwacht, eilte er frisch darauf,zu, und entfaltete mit
seinem Stock das nasse, herabhängende Papier an der Wand, um
die ineinander verschwommene Tinte zu enträthseln. Ach! hätte das
dortige Publikum nur den zehnten Theil des Interesses für den
Zettel gezeigt, wie unser Wandersmann, die Schauspielerbande
wäre glücklich gewesen. — Derselbe aber schien zufrieden, denn
er setzte sogleich seinen Weg fort, ohne erst weiter zu fragen,
weil er wohl wußte, daß in solch' kleinen Orten alle Wege
zum Rathhause führen und dort sollte er ja seine neue Heimath
finden. — Auf der kurzen Strecke bis dahin fuhren ihm manche
Gedanken durch den Sinn, die, ihm zwar selbst unklar, sich aber
deutlich machten durch einen Seufzer, mit dem er zu sich selber
sprach: „Du hast es weit gebracht!" — Kaum aber war ein
Schritt über die Schwelle des Rathhauses gethan, als ihn
auch wieder ein anderer Geist anwehte, der seinen Leichtsinn
wach rief und im Vereine mit Hunger und Müdigkeit, welche
hier ihre Grenzen finden sollten, den jungen Mann in eine
so behagliche Stimmung versetzten, daß er sich glücklich wie
ein König in dem Augenblicke fühlte, als er sich hinter einem
Schenktisch ans die Bank geworfen hatte und vor sich einen
Krug Bier und Kalbsbraten erblickte.

Vom Saale, der im ersten Stocke sich befand, hörte man
schon die Musik herunter, von der man nicht wußte, ob es
Walzer oder Polka sein sollte, aber desto besser konnte man die
Besetzung des Orchesters unterscheiden, welches sich besonders
durch eine vorlaute Klarinette und eine himmelschreiende Trompete


Objekt
Titel: Fliegende Blätter
Detail/Element: "Wohnungsnoth"
Künstler/Urheber: Spitzer, Emanuel  i
Inv.Nr./Signatur: G 5442-2 Folio RES
Aufbewahrungsort: Universitätsbibliothek Heidelberg  i
Schlagwort: Karikatur  i
Satirische Zeitschrift  i
Herstellungsort: München  i
Bildnachweis: Fliegende Blätter, 59.1873, Nr. 1477, S. 145
Aufnahme/Reproduktion
Urheber: Universitätsbibliothek Heidelberg  i
HeidICON-Pool: UB Fliegende Blätter  i
Copyright: Universitätsbibliothek Heidelberg
Bild-ID HeidIcon: 217136
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