Fliegende Blätter — 62.1875 (Nr. 1537-1562)

Seite: 169
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W- 1558.

Erscheinen wöchentlich ein Mal. Preis dcSBandes

(26 Nummern) 6 Mark 70 Pf., cxcl. Porto fceiLXII.ißb.

directem Bezüge. Einzelne Nummern 30 Pfennige.


rs

Es war am 20. Dezember des vorigen Jahres, als die
»ach Rostock fahrende Pcrsoncnpost um 2 Uhr Nachmittags
Güstrow verließ. Ein eisiger Frost war auf das gelinde Thau-
ll'ettcr der letzten Wochen gefolgt und die Chaussee in Folge des
Glatteises nahezu lebensgefährlich für Fuhrwerke und Passan-
lc». Von einem übermäßig arge» Personenverkehr, wie ihn die
Weihnachtszeit in der Regel mit sich zu bringen pflegt, war
auf der besagten Poststrcckc heute nicht allzuviel zu bemerken;
beim ein einziger Postwagen, mit zwei hinkenden Braunen bc-
ibannt, faßte, außer dem pausbackigen Postillon, nur 2 Insassen,
knien Herrn und eine ältere „junge Dame."

Es war ein cigcnthümlichcs Paar, welches sich hier gegcn-
übersaß und sich abwechselnd ansah, um im nächsten Momente
a>it möglichst natürlich sein sollender Verlegenheit die Augen
»icderznschlagcn. Die ältere „junge Dame" aus dem Rücksitz,

welche sich mit unverkennbar forcirter Vornehmheit ausgcstreckt
hatte, mochte etiva Anfangs der Dreißiger sein, bemühte sich
jedoch sichtlich, um lO Jahre jugendlicher zu erscheinen. Ihr
durch die Kälte juchtenlcderroth angehauchtes Antlitz war durch
ei» schwarzes Schnurrbärtchcn ä ln Margaretha von Parma
geziert, und hätte ihre ganze Erscheinung einem Gcnrcbildmalcr
vortrefflich als Vorbild für eine ausrangirte Liebhaberin einer
Baganten-Schauspiclertruppe dienen können. Ihr zur Seite lag
die Miniaturausgabe eines, an den Ohren mit blaßrothseidenen
Schleifen garnirte» Pudels, welcher von seiner Gebieterin in
der kindlichsten Weise gclicbkost wurde, bei welcher Gelegenheit
wahrzunehmen >var, daß die Fingerspitzen der einst grün ge-
wesenen Glacehandschuhe, welche die zarten Hände der Schönen
bedeckten, dem Zahne der Zeit oder den Zähnen ihrer Besitzerin
nicht entgangen waren und in philautropischer Weise den Fingern
Luft und Licht gewährten.

Der ihr gegenüberfitzcnde junge Mann schien dieses jedoch
; weniger zu beachten, als vielmehr den Pudel um die Schmei-
cheleien seiner Herrin zu beneiden. Er mochte Mitte der
Zwanziger sein und sein ganzes effekthaschendcs Exterieur ver-
lieh seiner Person beim ersten Anblick den Character eines
Jndustrierittcrs coinme il kaut. Seine jugendlichen, etwas ver-
lebten Gesichtszügc wären trotz eines unverkennbar plebejischen
Ausdruckes nicht gerade unschön zu nennen gewesen, würde
ihnen nicht durch übertriebene Eitelkeit eine Dosis Widerlichkeit
bcigemcngt worden sein. Beide der sich hier vis-a-vis sitzenden
Personen schienen darüber nachzudenken, auf welche Weise sich
am leichtesten ein Gespräch anknüpfcn ließe; denn in einem
Karthünscrklostcr schienen sie nicht groß geworden zu sein und
überhaupt feine Neigung zu spüren, sich während der ganzen Fahrt
stamm gegen einander zu verhalten.

Langsam setzte das Fuhrwerk seinen Weg fort, bald nach
Objekt
Titel: Fliegende Blätter
Detail/Element: "Ein Abenteuer im Postwagen"
Inv.Nr./Signatur: G 5442-2 Folio RES
Aufbewahrungsort: Universitätsbibliothek Heidelberg 
Schlagwort: Dame <Motiv> 
Gespräch <Motiv> 
Karikatur 
Pudel 
Reise <Motiv> 
Postkutsche <Motiv> 
Handgeste 
Satirische Zeitschrift 
Herr <Motiv> 
Herstellungsort: München 
Bildnachweis: Fliegende Blätter, 62.1875, Nr. 1558, S. 169
Aufnahme/Reproduktion
HeidICON-Pool: UB Fliegende Blätter 
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Bild-ID HeidIcon: 179306
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