Fliegende Blätter — 71.1879 (Nr. 1771-1796)

Seite: 57
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Erscheinen wöchentlich ein Mal. Einzelne Nummer 30

Eine Spitzengeschichte.

(Schluß.)

Dieser hatte mit sichtlichen: Interesse die Mittheilungen
über die arme Frau angehört, und es that ihm jetzt beinahe
leid, daß er eine Spur des Mißtrauens gegen dieselbe in sich
hatte auskommen lassen. Er theiltc also in kurzen Worten das
bereits Erzählte der Hausbesorgerin mit, verschwieg aber, daß
er die Spitzen um tausend Gulden verkauft, sondern ersuchte
sie nur, der Frau mitzutheilen, daß die Spitzen bereits an den
Mann gebracht seien und daß sie sich den Erlös dafür, wann
sie wolle, abholen könne. Die Hausbesorgerin versprach dieß,
sobald die Frau zurückkomme, thun zu wollen, und nachdem
sich der Spitzenhändler mit einem guten Douceur von ihr ver-
abschiedet hatte, stieg er wieder in seinen Fiaker und fuhr zurück.

Der Nachmittag war noch nicht weit vorgeschritten, als
unser altes Mütterchen schon wieder in der Stadt war und so
rasch es ihr Alter erlaubte, vorwärts schritt. Wieder vor der
Niederlage angclangt, trat sie diesmal schon weniger zaghaft in
dieselbe ein. „Ah, schön, daß Sie kommen, liebe Frau!"
empfing sie der Kaufmann. „Wie Sie schon wissen werden,
ist mir der Verkauf ihrer Spitzen schneller gelungen, als ich
geglaubt habe, und ich übergebe Ihnen hiemit den Restbetrag
von zwanzig Gulden. Nur möchte ich Sie bitten, mir den
Gefallen zu thun, die Spitzen selbst zur Käuferin derselben, zur
Baronin L., hinzutragen. Mein Commis soll Sie begleiten.
Wollen Sie?"

„O ja, recht gern, wenn Sie es wünschen!" meinte das
Mütterchen, war aber doch nicht wenig erstaunt über den sonder-
baren Auftrag. Sie nahm ihr Geld dankend in Empfang, ent-
schuldigte sich noch, daß sie die Güte des Spitzenhändlers so
sehr in Anspruch gcnonnnen und begab sich dann an der Seite
des Commis in die Wohnung der Baronin. Es dauerte nicht
lange, so waren die Beiden an ihr Ziel gelangt. Sie gaben die
nun zierlich enveloppirtcn Spitzen in: Vorzimmer an einen Diener

ab, der nach einigen Minuten mit einem unverschlossenen Couvert
zurückkehrte, das er dem harrenden Commis übergab. Dieser
reichte es seiner Weisung entsprechend den: neben ihm wartenden
Mütterchen mit den: Bedeuten, daß darin der wirkliche, ihr
gehörige Verkaufspreis der Spitzen enthalten sei.

Dieses erstaunte darob noch mehr, als zuvor über den
Auftrag des Kaufherrn, nahm aber doch das Couvert entgegen
und versuchte, es mit vor Aufregung bebenden Händen zu öffnen.
Da — ein Schrei der Uebcrraschung und der Freude — und
eine blanke Tausendgulden-Note entfiel ihren zitternden Fingern.
Der Commis beeilte sich, unter wiederholten Versicherungen,
daß der Tausender wirklich ihr gehöre und daß sein Herr ihm
dieß ausdrücklich gesagt habe, denselben wieder in das Couvert
zu schließen und dieses dem Mütterchen auszudrängcn. Das
stand noch immer wie vom Donner gerührt, ihre Kniee wankten,
und hätten sic nicht der Commis und der verblüffte Diener
gestützt, sie wäre unter der Wucht des Eindruckes wahrscheinlich
zusammcngesunken. Endlich erholte sie sich wieder und mit den
Worten: „Nein, nein, das ist unmöglich, das muß ein Jrrthum
sein!" ergriff sie das Couvert und eilte, so schnell es ihre vor
Aufregung noch immer zitternden Beine gestatteten, in die Spitzen-
handlung zurück.

Dort angelangt, streckte sie — athcmlos, wie sie war und
keines Wortes fähig — das Couvert dem ruhig an sein Pult
gelehnten Spitzenhändler entgegen, dem sich bei ihrem Anblick
ein ganzer Sonnenschein wahrer Seelenfrcude über das runde
Antlitz lagerte. Freundlich wehrte er sich des Dargereichten und
sprach: „Behalten Sie nur, liebes Frauchen, es ist Ihr recht-
mäßiges Eigenthum — ich habe gar keinen Theil daran."
Dann scherzend seinen Arm um ihre einst schlanke Taille legend,
zog er sie sanft auf eine nahe Sammtbank nieder und sprach
traulich: „Sehen Sie. meine Liebe, es bleibt halt doch immer

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