Die Form: Zeitschrift für gestaltende Arbeit — 1.1925-1926

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Mit dieser Zeitschrift setzt der Deutsche Werkbund ein Unternehmen
fort, das bereits vor längerer Zeit begonnen, unter dem Druck der
wirtschaftlichen Verhältnisse zunächst wieder aufgegeben werden mußte.

Die Zeitschrift wird die Aufgaben der Formgestaltung für alle Gebiete
des gewerblichen und künstlerischen Schaffens behandeln.

Alle,gestaltende Arbeit findet ihr Ende und ihren sichtbaren Ausdruck
in der Form. Form ist Ordnung. Die neue Welt der Arbeit aber, die um
uns erstanden ist, hat für sich bisher noch keine Ordnung gefunden. Die
Grundlagen der gestaltenden Arbeit haben eine vollständige Umwand-
lung erfahren, neue Arbeitsverfahren, neue Werkzeuge, neue Werkstoffe
sind eingeführt, und diese tiefgreifenden Umwälzungen haben umge-
staltend zurückgewirkt auf unsere Wirtschafts-, Lebens- und Gesell-
schaftsformen. Sie haben die alte Arbeitsordnung mit ihren festgefügten
Bindungen zerstört, die überlieferten Formen zerbrochen und altgewohnte,
durch Jahrhunderte gültige Begriffe ihres Sinnes beraubt. Aber die neue
Welt der Arbeit hat bisher einen endgültigen Ersatz für diesen Verlust
noch nicht zu schaffen vermocht. Sie ist überall auf der Suche danach:
allerwege ist der Wunsch und das Streben lebendig, auf der Grundlage
der neuen Gegebenheiten zu einer Neugestaltung und Neuordnung des
wirtschaftlichen, sozialen und geistigen Lebens zu gelangen.

Wir sind uns bewußt, daß die Formprobleme der gestaltenden Arbeit,
mit denen wir uns in dieser Zeitschrift zu beschäftigen haben, nur im
Zusammenhang mit jenen übergeordneten Problemen behandelt werden
können, die in der Gestaltung einer neuen Arbeitsordnung und der Bil-
dung neuer Lebensformen bestehen. Wie soll der Architekt den Grund-
riß des Wohnhauses gestalten, solange es an einem allgemeingültigen
Wohnprogramm fehlt, solange die Wohnsitten nicht endgültig geklärt
sind und feste Arbeits- und Lebensformen sich noch nicht wieder heraus-
gebildet haben? Wie können wir uns mit Formproblemen des Städte-
baues beschäftigen, solange die Funktionen nicht geklärt sind, die die
Stadt innerhalb der Nationalwirtschaft und, darüber hinaus, innerhalb
der Weltwirtschaft zu erfüllen hat? Und wie sollen wir heute die so wich-
tige und grundlegende Frage der Kunsterziehung behandeln, solange die
Kunst noch nicht als integrierender Bestandteil des produktiven Schaffens
gilt und der Künstler den ihm gebührenden Platz in der neuen Arbeits-
ordnung noch nicht gefunden hat? Überall erwies sich der Formprozeß
der gestaltenden Arbeit aufs engste verknüpft mit jenen Problemen, die
durch die Neuordnung der Arbeits- und Lebensformen aufgeworfen
worden sind, und überall stößt der Formprozeß heute auf Hemmungen
und Schwierigkeiten, weil es an einer endgültigen Lösung dieser Probleme
noch fehlt, durch die allein die feste Grundlage einer Überlieferung ge-
wonnen werden könnte.
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