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Furtwängler, Adolf   [Hrsg.]
Aegina: Das Heiligtum der Aphaia (Text) — München, 1906

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EINLEITUNG
DER NAME DES HEILIGTUMS

Bevor wir zur Schilderung des Heiligtums schreiten, haben wir den Namen zu
begründen, den wir ihm geben. Es ward früher lange bezeichnet als das Heiligtum des
Zeus Panhellenios; Cockerell hielt diesen Namen noch in seinem grossen Werke
von 1860 aufrecht und suchte ihn eingehend zu begründen; später galt es als das der
Athena, indem man sich dafür auf die Mittelfigur beider Giebelfelder und auf die
Inschriften gewisser Grenzsteine berufen zu dürfen glaubte. Die neuen Funde haben
bewiesen, dass es das Heiligtum der Aphaia ist.

Diese von mir schon gleich nach den Funden in vorläufigen Berichten : mitgeteilte
Tatsache hat viel Überraschung hervorgerufen. Man fand es schwer begreiflich, dass ein
so schöner und reichgeschmückter Tempel, der für uns der vorzüglichste Vertreter des
älteren klassischen Stiles ist, der für uns eines der wichtigsten Hauptstücke in der griechi-
schen Kunstgeschichte darstellt, dass dieser Tempel nicht nur keinem Gliede des vornehmen
olympischen Zwölfgötterkreises, sondern einer in den mythologischen Handbüchern über-
haupt gar nicht auffindbaren, also gänzlich obskuren Gottheit zugehört haben sollte.

Man vergass dabei, dass es ja nur der blinde Zufall ist, der uns gerade diesen
Tempel erhalten und so unendlich viel anderes entrissen hat; ferner dass es ja auch
sonst in alten und neueren Zeiten Beispiele genug dafür gibt, dass köstliche Kunstwerke
im Dienste lokaler obskurer Kulte entstanden; und man vergass schliesslich, dass es auch
nur ein Zufall ist, wenn für uns Aphaia ein so wenig bekanntes Wesen vorstellt. Indem
Aegina durch Athen schon im fünften Jahrhundert vernichtet und seine Bevölkerung
vertrieben ward, und indem Athen die ganze folgende Literatur beherrschte, so ist es
nicht zu verwundern, dass wir von der armen aeginetischen Göttin so wenig wissen wie
von anderen aeginetischen Altertümern. Allein dass Aphaia einstens auf Aegina, und zwar
eben zur Zeit der Erbauung des uns erhaltenen schönen Tempels keine geringe Rolle
spielte, das geht mit Sicherheit aus einem uns zufällig überlieferten Faktum hervor: kein
geringerer als Pindar, der Freund der aeginetischen Aristokratie, der hochangesehene
vornehme Dichter hat einen Hymnus auf die aeginetische Aphaia gedichtet! Wieder ist
es nur Zufall, dass dieses Lied nicht in die Reihe der noch in das späte Altertum und
dadurch in unsere Zeit geretteten Auswahl pindarischer Gedichte gekommen ist. Wäre
uns jener Hymnus des Pindar etwa mit zugehörigen antiken Scholien zufällig erhalten,

1 Beilage tur Allgemeinen Zeitung Mr. 14g, 3- Jul' '901 »Aphaia, die Göttin des Tempels von Aegina«. Berliner
Philo!. Wochenschrift, 3. August ipai, Sfi. 1001 ff. Sitxttngsberichte d. Bayer, Akad. igoi, S. 370 ff.
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